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dieses „guten“ Gottes erstreckt, d. h. auf die liebevolle Glücksgöttin Lakschmi, dann erhält das Zeichen noch eine Mittellinie, so daß es einer Heugabel ähnelt und so aussieht: V. Der Hindu malt diese galante Aufmerksamkeit als brennend rote Linie, während die anderen Linien des Wischnu-Tilak mit einer schneeweißen Farbe aufgetragen werden, die aus deckendem mineralischen Weiß, aus gebrannten Opfermuscheln, aus Asche verbrannten Düngers von heiligen Kühen und aus wohlriechendem Sandelholzpulver gemischt wird.

Eine andere Sekte dieser Wischnuanhänger, die Ramavat-Sadhus[WS 1], zeigt durch Bemalung ihres ganzen Körpers mit den Attributen des Gottes, mit Lotosblumen, Opfermuscheln, Schleudern und Keulen, an, daß sie die von Wischnu in seiner Menschwerdung als Dämonentöter Rama bewiesenen heldenhaften Eigenschaften ganz besonders hochschätzt und durch diese Zeichnungen zu würdigen sucht.

Begreiflicherweise zählt der Schreckensgott Schiwa weit mehr opferbereite Anhänger, als der milde Wischnu, und zu ihnen gehört auch die Mehrzahl jener berüchtigten religiösen Bettler und Büßer, der Jogis, Sanyasis, Bairagis, Agoris[WS 2] u. s. w. über deren wunderbares Tun ich im zweiundzwanzigsten Kapitel berichten werde. Diese Schiwaiten malen ihr Tilak in Gestalt dreier dicker weißer horizontaler Linien auf die Stirn, und wenn sie, wie die von uns im Tempel von Madura getroffenen Fanatiker, in religiösen Dingen zu der äußersten Rechten gehören; auch auf Oberarme, Brust und Leib. Nähert sich ein derartig wie mit-weißen Rippen bemalter frommer Mann, so erschrickt man und vermeint ein aus der Ferne heranwanderndes Gerippe zu sehen, zu dem der in der Regel fanatische Ausdruck des ausgemergelten Schiwaitengesichtes ganz vortrefflich paßt.

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Brahmanen und Tempeltänzerin.

In einer der Pilger-Rasthallen zu Seringham, deren Stützpfeiler durch außergewöhnlich eindrucksvolle, riesengroße, aus dem soliden Gestein herausgemeißelte Fabelwesen geschmückt sind, die sagenhafte Kämpfe zwischen indischen Helden und Halbgöttern mit götterfeindlichen Dämonen darstellen sollen und deren Aussehen nicht anders als durch das Wort „märchenhaft“ wiederzugeben ist, traf ich eine Gruppe von Brahmanen an. In deren Gesellschaft befand sich ein hübsches Hindumädchen von etwa sechzehn Jahren, die sich bei meinem Erscheinen verhüllen und die Flucht ergreifen wollte, wie dies leider die meisten Hindumädchen, denen ich begegnet bin, zu tun pflegten, und die ich nur schwer zu bewegen vermochte, mir zu der beigefügten Photographie zu sitzen, auf der die sie umgebenden Brahmanengestalten mit ihrer gemessenen Haltung und dem malerischen Toga-Faltenwurf klassischen Römerfiguren ähneln; jedoch meine ich damit nicht den beleibtesten dieser Priester, der es für nötig befunden hatte, seinen ganzen Oberkörper mit dicken Wischnuzeichen zu bemalen, während den beiden jüngeren zwei ganz dünne Linien als Stirnzeichen genügten.

Dieses junge Mädchen gehörte ebenfalls zum Tempelpersonal und wurde von den Brahmanen ausgebildet, um bei den großen Tempelfesten als Dewa

Dasi[WS 3] zu wirken. Die gewöhnlichen, auf allen Straßen oder bei den abendlichen

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Ramavat-Sadhus: vergleiche Ramavats (en); Sadhu (de)
  2. WS: Jogis, Sanyasis, Bairagis, Agoris: vergleiche Yoga; Sannyasin, Bairagi Caste (en), Aghori
  3. WS: Dewa Dasi: vergleiche Devadasi
Empfohlene Zitierweise:
Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 78. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/116&oldid=- (Version vom 1.7.2018)