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Nautschunterhaltungen[WS 1] ihre Künste darbietenden Tänzerinnen dürfen die festlichen Reigen um die Götterbilder nicht ausführen; für diese feierlichen Tänze wählen die Brahmanen unter den Töchtern der Ortsbewohner diejenigen aus, die sie für würdig erachten, Tempeltänzerinnen zu werden. Da nun aber keine Indierin unvermählt bleiben darf, so werden die Dewa Dasis der Tempelgottheit angetraut, wobei die Brahmanen die mit einer Ehe verbundenen Pflichten dem Götterbilde abnehmen und für den Unterhalt der göttlichen Ballerina sorgen.

Kurt boeck indien nepal 079.jpg

Umzug eines jugendlichen Bräutigams.

Beim Verlassen dieses merkwürdigen Wallfahrtsplatzes Srirangam fiel mir ein mit dicken Guirlanden aus gelben Blumen behangener Elefant auf, der nicht weniger als vier Reiter trug; der vorderste lenkte das Tier wie üblich, indem er seine Füße hinter dessen Ohren stemmte, der zweite schwenkte eine rote Fahne, und der letzte hielt seinen Vordermann fest, damit dieser, zwar noch ein Kind aber der Held des ganzen Aufzuges, nicht von seiner stolzen Höhe herunterpurzelte. Der festliche Umzug dieses Knirpses zeigte allen guten Freunden und getreuen Nachbarn an, daß er heute vermählt worden war; natürlich handelt es sich dabei zunächst nur um eine durch die Eltern der jungen Leutchen abgeschlossene Verlobung, der aber die tatsächliche Hochzeit folgen muß, sobald das Pärchen die dazu nötigen Jahre erreicht hat. Neuerdings hat die englische Regierung diese Jahresgrenze mit 16 für Mädchen und 18 für Knaben gesetzlich festlegen lassen, um die früher durch zu frühe Heiraten vorgekommenen Übelstände, unter denen sogar Todesfälle nicht selten waren, zu beseitigen.

In Seringham wie in Tritschinopolis kann jeder Reisende die ortsüblichen Kuriositäten um billiges Geld erwerben: zierliche, aus dem schneeweißen Mark der am Kaweri wachsenden Sumpfpflanzen[WS 2] geschnitzte federleichte Modelle von Tempeln und Gopuras, Bilder, die auf dünne Scheiben aus dem in den Kalkfelsen von Tritschinopolis eingesprengt vorkommenden Marienglas gemalt sind,

prächtige tamulische Hochzeitsgewänder für Frauen, sogenannte Tandschor-Arbeiten[WS 3]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Nautsch: vergleiche Nautch (en)
  2. WS: Vorlage: Sumpfflanzen
  3. WS: Tandschor-Arbeit: Miniaturmalerei aus Thanjavur (Tanjore), vergleiche Thanjavur, Kunst und Kultur
Empfohlene Zitierweise:
Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 79. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/119&oldid=3178651 (Version vom 1.7.2018)