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310 - Fünfundzwanzigstes Kapitel.

unbekannten Gletschergebiete besuchen zu dürfen, wurde mir in letzter Stunde, wenige Tage vor Ablauf der mir zum Aufenthalt in Nepal bewilligten Zeit zu meiner sreudigsten Überraschung die Erlaubnis eingeräumt, einen Ausflug in das Kukannigebirge zu unternehmen, wo ich über die Gebirgsgruppe des Gauri- sankar von Westen her einen um einige Dutzend Kilometer näheren Überblick gewinnen konnte, als von den zu Beginn der Reise überschrittenen Grenzpässen Nepals aus.

Der zu meiner Begleitung konimandierte Feldwebel jener indischen Sipeu- »kompagnie, die zum Schutze des englischen Gesandten in einigen langen Ka- sernenschuppen neben dem Gesandtschaftsgebäude untergebracht ist, hatte schon nach den ersten Tagen die Lust verloren, mir auf Schritt und Tritt zu folgen; er machte sich die Sache allmählich immer bequemer und blieb manchmal ganz weg. Auch der mir von nepalischer Seite beigegebene Wächter schien es ziem- lich satt zu haben, mit seiner breiten Rohrfeder in das niedliche Bronze-

fläschchen voll roter Tinte, das ihm am Gürtel hing, zu fahren, und auf einer schier endlosen Rolle Bastpapier jeden meiner Schritte und Blicke, jede Frage und jede Bemerkung, die ich mir gestattete, zu buchen. Schließlich mußte auchz er in mein fröh- liches Lachen einstimmen, sobald er sein ungeheures Register meiner Sünden hervorzog, das ich aber nicht etwa mit Leporellos Liste zu verwechseln höflichst bitten möchte. « Als ich die-se Anwandlung von Umgänglichkeit bei dem mir . , nicht sonderlich sympathischen schieläugigen Manne bemerkte THIS Tmtem versuchte ich, den Ausflug in den Zauberkreis des Gaurisankar- aßchen des . , « , , Aufseher5» sho. Everest zu einer wirklichen Freude, zu einem Naturgenuß zu erheben. Es hatte mich doch bisher allmählich verdrossen, unausgesetzt wie ein Sträfling beobachtet zu- werden und zu sehen, wiemein Begleiter jedesmal in seine rote Tinte tauchte, iwenn ichs irgend» eine Notiz in mein Taschenbuch eintrug; was für gelehrte Bemerkungen er dann niederschrieb, mögen die Götter wissen, denn ich bin kein Qrientalist und konnte also seine Hieroglyphen nicht entziffern. Diese dem Wächter vom Durbar vielleicht mehr aus Neugier als aus Mißtrauen aufgetragene und von diesem mit über- triebener Wichtigtuerei vollzogene Berichterstattung über jede meiner Handlungen wollte ich bei der Gebirgstour ein wenig einzuschränken versuchen.

In der Dämmerung des schönsten, klarsten, sonnigsten Dezembermorgens, den ich in Nepal erlebt habe, stand die kleine Trägerkolonne, die mein Zelt, meine Decken, die Feldküche und Proviantvorräte und den Apparat tragen sollte, marschbereit vor der Tür meines Obdachs. Wanderfroh drückte ich meinem gestrengen Hüter mit dem Ersuchen, mir heute nicht unablässig wie mein Schatten zu folgen, einige Backschischmünzen in die Hand,»aber pflicht- schuldigst und mit einigerEmpörung wies-: der brave Mann-die Batzen zurück, zog sein Tintenfläschlein hervor und schickte sich an,, diesen höchst kritischen Vorfall schleunigst zu Protokoll zu nehmen. InmeinerBesorgnis blitzte glück-

Empfohlene Zitierweise:

Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 309. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/320&oldid=3126095 (Version vom 21.5.2018)