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schlachten, treiben dann durch Dämonenbanner die Geister aus dem Orte dorthin und verrammeln alle Straßen und Türen mit Speeren. Selbst die einfachsten Naturerscheinungen sind bei ihnen Einwirkungen übernatürlicher Wesen; so erklären sie sich. z. B. die Entstehung des Regenbogens durch eine Riesenkrabbe, die neben der runden Erdscheibe im Weltmeere schwimmt und dabei zu Zeiten, um Atem zu schöpfen, aus dem Wasser emportaucht, wobei dann der Sonnenschein auf ihren mit Perlmutter gesäumten und in allen Farben spielenden Mundrand fällt, der sich beim jedesmaligen Aufklappen des Mundes am Himmelsgewölbe abspiegelt; bei Sonnenfinsternissen wird sogar unaufhörlich mit Pfeilen und Luntenflinten gegen die Sonne geschossen, um zu verhindern, daß diese von einem sie bedrohenden riesigen Frosch-Nat verschlungen wird, und da der Erfolg nie ausbleibt und die liebe Sonne bald wieder fröhlich vom Himmelszelte strahlt, sind die guten Leutchen nicht leicht von derlei Ansichten zu bekehren.

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Durch einen Sonnenschirme geschützte Wasserkrüge; ein durstiger Knabe führt eben den Schöpflöffel zum Munde.

Angesichts der erdrückend mannigfaltigen Augenweide überkam mich auf dem Festplatz ein förmlicher Sehrausch, denn selbst die unbedeutendsten Vorgänge werden in Birma sofort zum reizvollen Bilde, sei es ein Barbier, der in einem Winkel des Festplatzes kauert und einem geduldigen Patienten mi einem rostigen Haken einen Zahn zieht, oder ein fast nackter, durstiger kleiner Bengel, der sich aus einem der zum allgemeinen Besten unter einem Sonnenschirm aufgestellten Wasserkrüge mit Hilfe einer an einen Stiel gesteckten halben Kokosnußschale einen kühlen Trunk schöpft, oder ein mohammedanischer Vogelhändler, dem seine gefangenen Papageien und anderen Vögel nur abgekauft werden, um sofort die Freiheit zu erhalten, weil dies von den Buddhisten für ein verdienstliches Werk betrachtet wird.

Inmitten des Platzes waren einige dreieckige Prangergestelle errichtet, an die etwa abgefaßte Diebe gebunden und zur Schau gestellt werden sollten, denn an verbrecherischem Gesindel fehlte es ebensowenig wie an entsetzlich verstümmelten Krüppeln und aussätzigen Bettlern, die alle Zugänge zum Tempel belagerten. Hinter den Zelten und den Schaubuden mit Mißgeburten, Zwergen und Riesen, in denen man, wie auf einem Jahrmarkt, alles Erdenkliche, vorzugsweise aber natürlich Festbedürfnisse wie Lichter, Blumen, Früchte, bunte Bänder, Räucherkerzchen, Blattgold und Kinderspielzeug

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Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 43. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/69&oldid=3178687 (Version vom 1.7.2018)