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telephonieren, daß ich eingetroffen sei und bald käme. Justizrat Neumann schloß in seiner Freude erst seine Tochter und dann mich in die Arme. Ich hielt mich nicht lange auf; ich hatte die Taxe vor dem Haus warten lassen und fuhr gleich weiter. Meine Mutter wartete am Fenster und kam mir auf die Straße entgegen. Sie stand schon am Wagenschlag, als ich ausstieg. „So gut hast du noch nie gefolgt“, sagte sie freudestrahlend. Ich mußte das Lob ablehnen: ihre Weisung, schleunigst nach Hause zu kommen, hatte mich in Göttingen nicht mehr erreicht.

Die ganze Familie war zusammen. Selbst Bibersteins waren da. Zu meinem Erstaunen war man gar nicht so erfüllt von den Ereignissen wie ich. „Nur keine Angst“, sagte meine Mutter. „Ich habe keine Angst“, erwiderte ich, „aber es ist doch durchaus möglich, daß die Russen in ein paar Tagen über die Grenze kommen“. „Dann nehmen wir einen Besenstiel und hauen sie wieder raus“. – Ich konnte es kaum ertragen, am Teetisch zu sitzen und Frau Biberstein ihre alltäglichen Geschichten erzählen zu hören. Es war für mich geradezu eine Befreiung, als meine Mutter mich zu Bett schickte, um mich nach der durchreisten Nacht auszuschlafen. An Schlaf war freilich nicht zu denken. Ich war in einer fieberhaften Anspannung, sah aber mit großer Klarheit und Entschlossenheit den Dingen ins Auge. „Ich habe jetzt kein eigenes Leben mehr“, sagte ich mir. „Meine ganze Kraft gehört dem großen Geschehen. Wenn der Krieg vorbei ist und wenn ich dann noch lebe, dann darf ich wieder an meine privaten Angelegenheiten denken“.

Der nächste Tag war der Sonntag der Kriegserklärung. Rose kam mich begrüßen. Von ihr erfuhr ich, daß ein Krankenpflegekursus für Studentinnen eingerichtet werde. Ich meldete mich sofort dafür, und bald war ich jeden Tag im Allerheiligenhospital, hörte Vorträge über Kriegschirurgie und Kriegsseuchen und lernte Verbände anlegen und Einspritzungen machen. Meine alte Klassengefährtin Toni Hamburger nahm an dem Kurs teil und bemühte sich im Wetteifer mit mir um eine gute Ausbildung. Unser Krankenpflegelehrbuch genügte mir nicht. Ich nahm daheim Ernas anatomischen Atlas und ihre dicken medizinischen Grundrisse zu Hilfe. Ich suchte auch sie und Lilli häufig in der Frauenklinik auf, um mich im Verbinden zu üben. Sie hatten große Freude an meinem Eifer für ihr Fach. Während des Kursus mußten wir angeben, ob wir uns dem Roten Kreuz zur Verfügung stellen wollten; ob nur für das Festungsgebiet Breslau, für die Heimat oder ganz ohne Bedingung.

Natürlich stellte ich mich bedingungslos zur Verfügung. Ich hatte ja keinen anderen Wunsch als möglichst bald und möglichst weit hinaus zu kommen, am liebsten an die Front in ein Feldlazarett.

Empfohlene Zitierweise:
Edith Stein: Aus dem Leben einer jüdischen Familie. Editions Nauwelaerts, Louvain 1965, Seite 214. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Edith_Stein_-_Aus_dem_Leben_einer_j%C3%BCdischen_Familie.pdf/233&oldid=3305361 (Version vom 31.7.2018)