Seite:Erzählungen von Marie von Ebner-Eschenbach.djvu/334

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„Ich liebe zum ersten Male, das macht jung in meinem Alter; es macht aber auch weich, nachgiebig und gehorsam … Ich kenne mich selbst nicht mehr – Sie haben ein Wunder gethan, Thekla!“ rief er und breitete die Arme aus. Einen Augenblick ruhte ihr Haupt an seiner Brust, im nächsten schon hatte sie sich losgemacht und war zu ihrer Mutter getreten, verwirrt, in großer Bestürzung.

„Thekla!“ wiederholte Sonnberg.

Marianne beeilte sich dem Vorwurf zu begegnen, der auf seinen Lippen schwebte: „Vergessen Sie nicht,“ sprach sie, „daß Menschen nur unbewußt Wunder thun. Es beängstigt sie, wenn man ihnen dafür dankt,“ setzte sie lächelnd hinzu.




In der Stadt ließ sich’s Niemand nehmen, daß Paul und Thekla verlobt seien, daß ihr Brautstand nur noch, aus irgend einem unbekannten Grunde, nicht declarirt werde. In der That brachte Sonnberg täglich einige Stunden im Hause der Gräfin Neumark zu. Er fühlte bald, daß er Fortschritte machte in der Gunst Mariannens, und das beglückte ihn.

Thekla blieb sich immer gleich.

Vom Augenblick an, in welchem er in das Zimmer trat, war sie einzig und allein mit ihm beschäftigt, war freundlich und aufmerksam und widersprach ihm nie; sie gewöhnte sich sogar, Urtheile zu wiederholen, die er gefällt

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Marie von Ebner-Eschenbach: Nach dem Tode. In: Erzählungen. Berlin: Gebrüder Paetel, 1893, Seite 328. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Erz%C3%A4hlungen_von_Marie_von_Ebner-Eschenbach.djvu/334&oldid=- (Version vom 31.7.2018)