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Liste.png Frances Külpe: Rote Tage : baltische Novellen aus der Revolutionszeit

Ihr Herz schlug heftig. „Warum taten Sie es nicht?“ sagte sie äußerlich ruhig.

Er zuckte zusammen. „Mein Gott, Claire – durfte ich denn? Nach dreistündiger Bekanntschaft – und ich eine un­fertige Existenz – ein Krüppel ... ich hab’ zu viel Achtung vor Ihnen.“

Sie lächelte leise und schwieg.

Immer dunkler wurde die Dämmerung. Über den fernen Waldrand glitt langsam ein großer kupferroter Mond. Schnell rollten die Räder über die glatte Fahrstraße.

Er faßte ihre Hand. „Sie waren nicht ermutigend, Claire.“

„Sie kommt, und sie ist da,“ flüsterte sie.

„Claire!“ jauchzte er ungläubig. „Claire?“

Es kam keine Antwort. Langsam rannen zwei Tränen über ihre Wangen.

Und wieder stand er auf der schwebenden Brücke, und unter ihm rauschte der blinkende Strom. Nahe, ganz nahe, in greifbarer, fühlbarer Nahe. Mein, mein das Glück! jubelte es und wogte es in ihm. Er schlang seinen Arm um sie; sie widerstrebte einen Moment, dann sank sie an seine Brust.

Beide wurden von einem heißen Glücksgefühl durchrieselt.

Das Mädchen ermannte sich zuerst. Sie richtete sich wieder auf und strich mit der Hand über ihre Augen. „Es ist wie ein Traum,“ murmelte sie; „aber wir dürfen nicht träumen. Ja, ich bin Ihnen gut,“ fuhr sie mit erstickter Stimme fort. „Großer

Empfohlene Zitierweise:
Frances Külpe: Rote Tage : baltische Novellen aus der Revolutionszeit. S. Schottländers Schlesische Verlagsanstalt, Berlin 1910, Seite 36. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:FrancesKuelpeRoteTage.pdf/36&oldid=- (Version vom 1.8.2018)