Seite:Friedlaender-Aus dem homosexuellen Leben Alt-Berlins.djvu/18

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Sehr bekannt, aber weniger nobel waren die Bälle im „Deutschen Kaiser“, einem größeren Tanzlokal in der Lothringerstraße. Sehr nobel und gemütlich ging es auf den Kiechs-Bällen zu. Diese Bälle, die zumeist in einem vornehmen Lokal in der Potsdamerstraße, bisweilen auch im Alten Architektenhaus (Wilhelmstraße), bei Buggenhagen am Moritzplatz, oder in der „Philharmonie“ (Bernburgerstraße) stattfanden, waren von einem Wäschehändler Kiechs arrangiert. In späteren Jahren erfreuten sich die Bälle von N. im „Dresdener Kasino“ (Dresdenerstraße) und auch die von L. in der Alten Jakobstraße 32 mit Recht großer Beliebtheit.

Erwähnenswert ist noch folgender Vorgang: Im Februar 1878 wurden eines Tages sechs den besten Gesellschaftskreisen angehörende Homosexuelle und ein junger Kellner verhaftet. Letzterer, ein junger Mann von 19 Jahren, hatte einen pensionierten Eisenbahnbeamten nach dessen in der Fruchtstraße belegenen Wohnung begleitet. Nach einiger Zeit entließ der pensionierte Eisenbahnbeamte den jungen Mann, ohne sich darum zu kümmern, ob und wie dieser aus dem Hause kommen werde. Der junge Mann fand das Haus verschlossen. Er ging zurück und klopfte bei dem Eisenbahnbeamten mit der Bitte, ihm das Haus zu öffnen. Der Eisenbahnbeamte, ein ungemein ängstlicher Mann, glaubte, der junge Mann wolle einen Erpressungsversuch machen. Er öffnete deshalb nicht. Der junge Mann setzte sich, von Müdigkeit übermannt, auf die Treppe und schlief ein. Nach einiger Zeit kam ein Hausbewohner nach Hause und stolperte über den Schlafenden, den er für einen Einbrecher hielt. Er führte ihn deshalb zur Polizeiwache. Dort wurde der junge Mann in sehr barscher Weise des versuchten Einbruchsdiebstahls beschuldigt. Der junge Mann beteuerte seine Unschuld und gab schließlich an, daß er mit dem Eisenbahnbeamten