Seite:Friedlaender-Aus dem homosexuellen Leben Alt-Berlins.djvu/19

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unzüchtigen Verkehr gehabt habe. Der Polizeioffizier soll darauf dem jungen Mann solange zugesetzt haben, bis dieser alle Leute angab, mit denen er Verkehr gehabt habe. Infolgedessen wurden am folgenden Tage ein hervorragender Schriftsteller und Dr. phil.[WS 1], ein Schauspieler[WS 2], ein Bauunternehmer, ein Rentier, ein Kaufmann und der pensionierte Eisenbahnbeamte verhaftet. – Nach einigen Tagen wurden alle sieben, auch der Kellner, der im übrigen nicht zu den gewöhnlichen Prostituierten oder Erpressern gehörte, sondern selbst homosexuell veranlagt und zumeist in Stellung war, aus der Haft entlassen. Im März 1878 hatten sich einige von den verhaftet Gewesenen vor dem Berliner Stadtgericht zu verantworten. Da der Nachweis nicht geführt werden konnte, daß die Angeklagten sich im Sinne des § 175 vergangen hatten, wurden sie sämtlich freigesprochen.

Ob der Homosexualitätsparagraph 175, der im Vorentwurf zu einem neuen Strafgesetzbuch § 250 heißt, in diesem wieder Aufnahme finden wird, läßt sich nicht voraussagen. Jedenfalls ist seit etwa dreißig Jahren ein ganz wesentlicher Fortschritt bezüglich Beurteilung der Homosexualität zu verzeichnen. Die Ansicht, daß die Homosexualität weder durch Bestrafungen noch durch öffentliche Ächtung aus der Welt zu schaffen ist, daß die Strafbestimmungen lediglich den Erpressern Vorteil bringen und dadurch zahllose Homosexuelle in den Tod getrieben werden, bricht sich immer mehr Bahn. Es kann daher nicht ausbleiben, daß die mittelalterliche Strafbestimmung nicht nur in Deutschland, sondern in allen Kulturländern in nicht allzulanger Zeit der Vergangenheit angehören wird. Die maßgebenden Kreise werden allmählich zur Einsicht gelangen, daß die schärfsten Strafen die Zahl der Homosexuellen nicht verringern werden, und daß es nach Aufhebung der Strafbestimmung keinem Heterosexuellen in den Sinn

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Adolf Glaser (1829–1916), Bühnenautor und seit 1856 (nur unterbrochen durch die dreijährige Suspendierung nach dem hier erwähnten Skandal) Redakteur der Westermannschen „Illustrirten Deutschen Monatshefte“.
  2. Władysław Barącz (um 1845–1919), polnischer Schauspieler und Theaterdirektor, in Österreich und Deutschland als Ladislaus von Baronche tätig.