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 Man sieht also, an Normen und Weisungen auf dem Gebiet der individuellen Freiheit fehlt es durchaus nicht. Bei aller Freiheit der Bewegung kann der Christ seinen Weg getrost und sicher gehen. Er braucht nicht in peinlicher Ängstlichkeit wie auf Eiern zu gehen (dazu treibt nur gesetzliches Wesen), wenn er nur sein Ziel fest im Auge hat und seine Richtung im Ganzen einhält, womit aber der Unlauterkeit, die es im einzelnen mit ihrem Thun nicht genau nimmt (Eph. 5, 15: ἀκριβῶς), nicht das Wort geredet werden soll. Einfalt und Lauterkeit soll auch hier den Christen regieren. Jeder Christ ist für den Gebrauch seiner Freiheit dem HErrn verantwortlich. – Normen zweiten Ranges sind die von Menschen gemachten Lebensordnungen. Vgl. § 66.


§ 66.
Autonomie des Christen auf dem Gebiet der individuellen Freiheit.

 Für die oberflächliche Betrachtung sieht es aus, als ob für das Handeln auf dem Gebiet des Erlaubten die Willkür und das wechselnde Belieben maßgebend wäre. Es gibt auch Menschen, die soviel als möglich nach ihrem augenblicklichen Gefallen leben und thun, was sie eben gelüstet, und lassen, was ihnen nicht gefällt, so daß augenblickliche Lust oder Unlust das Hauptmotiv ihres Handelns ist. Solche Menschen der Willkür und Laune sind Zerrbilder der wahren Freiheit eines Christen, sind selbst unglücklich und machen auch andere unglücklich, sind auch unfähig, etwas Tüchtiges zu leisten. Sie sind der Spielball des Augenblicks, Knechte ihres selbstischen Gelüstens. Das Sichgehenlassen, Sichhingeben an den unmittelbaren natürlichen Trieb ist etwas Unsittliches (Wuttke).

 Alles gesunde Leben verlangt Regeln und Ordnungen. Auf dem Gebiet der individuellen Freiheit, das nicht durch göttliche und menschliche Gesetze geregelt ist, muß sich der Mensch selbst Gesetz und Regel geben. Und es thut dies der einzelne, wie die freie Gemeinschaft, aus einem inneren Lebenstrieb mit innerer Notwendigkeit. Es gibt sich der einzelne Christ, wie die christliche Gemeinschaft, eine Lebensregel und handelt nach gewissen Maximen oder Grundsätzen, welche dem Sittengesetz gemäß sich aus der Erfahrung als etwas Feststehendes für besondere Verhältnisse und Personen ergeben und abheben, nach denen man sich als nach allgemeinen Normen in zweifelhaften Fällen richtet. Eine solche Lebensregel rücksichtlich des Ehelichwerdens