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des Charakters erzeugt, es wird die Pflicht der Ergebung ausgedehnt auch auf Fälle, wo Gott sie nicht fordert, sondern dem Menschen Spielraum läßt für seine freie Entscheidung. Es ist der Gebrauch des Loses ein „salto mortale“; wer ihn unternehmen will, unternehme ihn im Glauben; im übrigen ist zu bedenken: wo Gott uns unsern Verstand und freien Willen gibt, sollen wir ihn auch gebrauchen und nicht ablehnen, selbst zu entscheiden, sintemal er auch dem, welcher um die ihm mangelnde Weisheit bittet, solche zu geben verheißt, Jak. 1, 5. Immerhin aber wird man in gewissen Fällen die Anwendbarkeit des Loses, besonders auch nach Spr. 16, 33 u. 18, 18 (vgl. auch Ez. 45, 1; 47, 22), zugestehen müssen.

 Das Orakeln mit Bibelstellen gehört auch hieher und wiewohl es nicht unbedingt zu verwerfen ist, so werden die Fälle doch sehr vereinzelt sein, wo die Anwendung von Mißbrauch frei ist und nicht irre führt. Es tritt hier eine Art Theurgie ein. Auch in pietistischen Kreisen findet man häufig die Trägheit, welche Nachdenken und Überlegung scheut und eine möglichst unmittelbare Gewißheit für zweifelhafte Fälle von Gott haben will. Daraus entstehen gefährliche Täuschungen und Reden: „Dies hat mir der HErr eingegeben zu reden oder zu thun“, „Das ist eine göttliche Führung“, während es oft das Fleisch ist, das spricht, nicht der Geist, während der Mensch damit oft seine eignen Wege beschönigen will und Gott weit entfernt ist, seine Billigung zu solchem Thun zu geben. Dahin gehört auch die Neigung, sich bestimmte Zeichen zu setzen, wie 1. Mos. 24, 14. Wer es wagt, muß wissen, was er thut und Eliesers Zuversicht haben, sonst spielt er ein gefährliches Spiel und kann dafür bezahlt werden. Alle solchen Mittel, die Gott herausfordern zu einer unmittelbaren Antwort auf schwer lösbare Fragen, müssen in größter Ehrfurcht vor dem lebendigen Gott und mit großer Glaubenszuversicht gebraucht, auch als seltene Ausnahme, nie als Regel angesehen werden. – Es gibt aber unzählige kleinere Vorkommnisse im menschlichen Leben, die auch unter die göttliche Vorsehung gestellt sind, aber doch ganz in des Menschen Willkür und Belieben stehen, in welchen die bloße Neigung oder ein zufälliger Umstand, ein kleines, aber wohl zu beseitigendes Hindernis, fremdes Zureden etc. den Ausschlag gibt, z. B. einen Spaziergang da und dorthin zu unternehmen, wo das Wetter, das Zureden eines Freundes und andre kleine Umstände maßgebend sind, ob er auch ausgeführt wird oder nicht. Hier hat man sich solcher außerordentlichen Mittel ganz zu enthalten.