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man wird mit dem Apostel sagen können: Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein, Phil. 1, 23. Da wird dann der Tod und die Ewigkeit mit Anziehungskräften der Heimat ausgestattet. In demselben Maß, als der Christ sich hier als Fremdling und Pilgrim fühlt, in demselben Maß wird ihm die Ewigkeit als seine Heimat erscheinen und auf ihn auch wirken mit all der Anziehungskraft, welche die natürliche Heimat auf den natürlichen Menschen ausübt. Der Christ sagt von dem entschlafenen Bruder: er ist heimgegangen; der Weltmensch aber: er hat fortgemußt. Der Apostel spricht 2. Kor. 5, 1–10 durchweg von unserm hiesigen Aufenthaltsort als von einem Auswärtssein, als von einem Aufenthalte im Auslande, im Elende, und vom Tode als einem ἐνδημεῖν πρὸς τὸν κύριον. So kann dieser eine Gedanke: der Tod ist der Eingang zum Leben das Gemüt beruhigen, ja es erfüllen mit Todeslust und Freudigkeit.

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 b) Der Tod ist für den Christen ein Schlaf. Durch diesen tiefen Vergleich, der mehr ist als nur ein rhetorisches Bild, kann auch das Grauen vor dem Tode beschwichtigt werden. Eine süße und sanfte Ruhe hat doch nichts für den Menschen grauenerweckendes, es fürchtet sich niemand einzuschlafen, wiewohl ja doch beim Schlaf die ganze Außenwelt dem Menschen entrückt wird und er für sie gleichsam gestorben ist; man fürchtet sich nicht vor dem Schlaf, wiewohl da das aktive Seelenleben erlischt, die Thätigkeit des Willens, des Verstandes cessiert. Der Schlaf beginnt mit der turba, d. h. mit der Verwirrung der Gedanken, es wird dunkel im Innern. Auch nach dieser Seite ist der Schlaf ein Bild des Todes; denn der Tod ist ja auch eingeleitet durch die turba. Die wenigsten Menschen haben ein Gefühl und Bewußtsein des herannahenden Todes. Je mehr man Menschen sterben sieht, desto mehr wird man in der Erfahrung befestigt, daß der Tod verhüllt an den Menschen herantritt und daß der Geist des Menschen in eine Dämmerung versetzt wird, so daß er den Tod nicht schmeckt in seiner ganzen Schrecklichkeit und Bitterkeit. Vor allem aber soll durch diese Bezeichnung des Todes der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß der Tod wie der Schlaf keine Vernichtung ist, sondern nur ein Zustand der Ruhe ein ἀναπαύεσθαι von allen Mühsalen der Erde, wo man ruht von seiner Arbeit, Apok. 14, 13; Hebr. 4, 10; Apok. 6, 11; Jes. 57, 2. Also man will der Hoffnung Ausdruck geben, daß der Tod keine Vernichtung, sondern nur ein Ruhen ist, eine Hemmung oder zeitweilige Suspendierung der Thätigkeit nach außen, aber kein Erlöschen