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Menschen das Böse, so daß er nicht wie der Satan das Böse um des Bösen willen, sondern das Böse wegen des ihm vorgespiegelten Scheingutes will und thut. Das ist der Betrug der Sünde, dem der Mensch zugänglich war vermöge seiner sinnlichen Natur. Der Anreiz erfolgt übrigens auf sinnlichem (physischem), psychischem und geistigem Gebiet. Der physische Reiz ist ausgedrückt mit den Worten: „Das Weib schaute an, daß von dem Baum gut zu essen wäre.“ Das ist der niederste Sinnenreiz, der somatische Reiz der Lüsternheit. Auch ein sinnlicher Reiz, aber psychischer Art geht von dem Anblick der Frucht aus. Sie war „lieblich anzusehen“. Der Anreiz auf pneumatischem Gebiet ist ausgedrückt mit den Worten: „Weil er klug machte.“ Es ist der Reiz des Hochmuts; denn ein gottgleiches Wissen hatte die Schlange als Frucht und Folge des Genusses der verbotenen Speise in Aussicht gestellt. Der grobsinnliche, der psychische und der pneumatische Reiz ist es, der in seinem Zusammenwirken die Lust im Menschen wachruft. Man sieht hier deutlich den Betrug der Sünde. Es wird dem Menschen ein Scheingut, ein Glück vorgegaukelt, welches eben doch nichts, als ein satanisches Blendwerk ist; denn sowie die Lust gebüßt ist, so zerrinnt das satanische Blendwerk, dem Menschen gehen die Augen auf, und es kommt über ihn Scham und Reue. Die Lust ist der eine treibende Faktor der Sünde. Gegen die Lust soll dem Menschen als Damm dienen das Verbot, das Wort Gottes. Aber nun sehen wir, wie der Teufel geschäftig ist, diesen Damm zu durchbrechen, zu untergraben, indem er Zweifel erweckt, sowohl an der Wahrheit, als am Ernst des göttlichen Gebots und seiner Drohung: „Sollte Gott gesagt haben?“ „Ihr werdet mit Nichten des Todes sterben.“ Es wird sowohl die Wahrheit, als die Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes hier in Zweifel gestellt. Ja, auch seine Güte wird dem Menschen verdächtigt. Die Schlange stellt das Verbot hin als einen Ausfluß göttlichen Neides; vgl. das heidnische φθονερὸν τὸ θεῖον, als ob Gott dem Menschen das Glück nicht gönnte, welches ihm durch den Genuß der Frucht reifen würde. Das ist der Weg, den der Versucher einschlägt, um den Damm wegzuspülen, der das Austreten der Begierden hindert, und das ist es, was bei jeder Sünde der innere Hergang ist. Die Lust reizt, da fällt das Gebot in das Gewissen; da beredet sich der Mensch, Gott werde es nicht so ernst nehmen, einmal ist keinmal; da kommt dieser satanische Gedanke, warum Gott dem Menschen versagt und nicht gönnt, was seinem Fleisch lieb und angenehm wäre. Und