Seite:Hansson Oberländer und die Fliegenden.djvu/2

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mißbrauchte Wort wieder zu Ehren zu bringen – der beste Realist unter den deutschen Dichtern, der Realist vor den sog. Realisten, die doch insgesammt nur fremden Mustern mühsam eine Methode abgelernt, wo er aus eigener Gnade etwas Wesentliches schuf. Es lebt ein Land und ein Volk in seinen Dichtungen; und sie werden sich auch künftighin in ihnen wiederfinden. Man soll wegen der köstlichen Bravourfigur des Onkel Bräsig nicht übersehen, daß das Buch eine ganze Galerie Typen aus allen Klassen und Berufen enthält, die sich aus den Schilderungen so rund und warm herauslösen und die sich noch nach Jahren und Jahrzehnten so freistehend und beweglich um uns rühren, als seien es Menschen, die wir während eines Abschnitts unseres Lebens gekannt und die jetzt in der zeitlichen Entfernung einen geschlossenen Kreis bilden: der Hawermann und das Ehepaar Rüssel, die Familie Pomuchelskopp und Fritz Triddelfitz, der alte Moses und sein Sohn David, Louise Hawermann und Frida von Rambow.

Oberländer genoß ich während der Semester am Gymnasium zu Lund. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann ich die „Fliegenden“ zum ersten Male auf meinem Lebenswege traf. Bei „lilla Mutter“ („die kleine Mutter“) war es nicht, – „lilla Mutter“ war eine unbemittelte Wittwe in den mittleren Jahren, die sich und mehrere halberwachsene Töchter mit einem bescheidenen Kaffeausschank redlich und kümmerlich ernährte, wo ich in den ersten Schuljahren in der Stadt mir zuweilen eine Tasse Nachmittagskaffee gönnte, – denn bei „lilla Mutter“ gab es nur schonensische Lokalzeitungen und einen Apfelkuchen unter einer Glasschale. Mit der Zeit avancirte ich dann allmählich zu „stora Mutter“ („die große Mutter“); die alte behäbige, streng aussehende Dame thronte freilich hinter einem Buffet mit den leckersten und verschiedenartigsten Kuchen, und Lektüre gab es dort auch in Hülle und Fülle, – die „Fliegenden“ aber noch nicht. Meine erste Erinnerung an sie ist mit einer neuen und sehr anheimelnden Konditorei verknüpft, die während meiner letzten Gymnasiumjahre von einem Mann mit deutschem Namen in der schonensischen Metropole eingerichtet wurde und wo ich und andere angehende Studenten uns an flottere und komplicirtere Genüsse gewöhnten. Die eine Merkwürdigkeit des Lokals war der alte Lysander, Professor in „römischer Beredsamkeit und Poesie“, der hier zweimal wöchentlich sein Lieblingsblatt, die Stockholmer Skandalzeitung „Das Vaterland“ genoß; die Nachfrage nach demselben war groß, und mancher Gast verbarg es gern während anderer Lektüre unter seinem Gesäß; der alte und sehr kurzsichtige Herr mit dem Satyrgesicht hatte deswegen die Gewohnheit, das akademische „Lunds Wochenblatt“, zwischen dessen Spalten und den Hosen eines gewissen Docenten C. der witzige Cyniker eine nicht wiederzugebende Parallele gezogen, in die Hand zu nehmen und dann von Zimmer zu Zimmer und von Tisch zu Tisch zu wandern, bis er den Hehler antraf, den er mit vielen und höflichen Worten ersuchte, sich darauf statt auf das „Vaterland“ zu setzen. Die zweite Merkwürdigkeit

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Ola Hansson: Oberländer und die „Fliegenden“. S. Schottlaender, Breslau 1904, Seite 44. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hansson_Oberl%C3%A4nder_und_die_Fliegenden.djvu/2&oldid=3326670 (Version vom 1.8.2018)