Seite:Herzl Philosophische Erzaehlungen.djvu/129

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Die Perle der „Morgenwacht“, Herr Friedrich Schnepp, hatte ja auch seine Nachrichten, manchmal sogar sehr frische; aber Schnepp war leichtfertig. Den Morgenwächtern kam es zum Beispiel auf ein Attentat mehr oder weniger nicht an. Sie setzten die Fixigkeit über die Richtigkeit. Es ist dies das amerikanischere System der Zeitungsschreiberei. Die Morgenwächter zogen die Neuigkeit der Wahrheit vor. Diesem frivolen Treiben hatte die „Volkesstimme“ lange Zeit eine feierliche Langsamkeit und Gewissenhaftigkeit entgegengesetzt, die alle ehrbaren und nicht neugierigen Leute entzücken mußte. War nun in dieser guten Stadt die Neugier stärker als die Ehrbarkeit, oder gab es dafür andere Gründe – genug, die „Volkesstimme“, das viel angesehenere Blatt, büßte immer mehr Abonnenten ein. Da raffte sich der Eigenthümer der „Volkesstimme“ zu einer heroischen That auf und inserirte: „Redakteur gesucht!“ Auf diese Weise kam Johannes Bunge aus Berlin nach der „Residenz“, um als Perle angestellt zu werden. Er war schön, jung, blond, sprachenkundig, orthographisch u. s. w., und er wurde der Stolz und die Stütze seiner Zeitung. Diese hob sich zusehends wieder, denn zu ihrem alten Ansehen gesellte sich nun die neue Beweglichkeit. Johannes Bunge war immer mindestens so gut unterrichtet wie der Morgenwächter Schnepp, mit dem er in höflicher Feindschaft lebte. Aber Bunge wurde allgemein ernst genommen – ein Glück, das Herr Schnepp nie hatte erreichen können. Bunge und Schnepp haßten einander, wie Nachbarn, und der reichere Nachbar war Johannes. Er war es durch volle drei Jahre: bis zu dem Augenblick, wo Mumbo dazwischen kam.

Mumbo?

Ja wohl.

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Empfohlene Zitierweise:
Theodor Herzl: Philosophische Erzählungen. Gebrüder Paetel, Berlin 1900, Seite 124. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Herzl_Philosophische_Erzaehlungen.djvu/129&oldid=3329537 (Version vom 1.8.2018)