Seite:Herzl Philosophische Erzaehlungen.djvu/149

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es ja herausfühlen, ob Einer aus tiefem Herzen gesprochen hat oder nicht. Wer will den Anfang machen?“

„Ich,“ sagte der Millionär. „Ich will euch zeigen, daß ich mich nicht scheue, die Wahrheit zu bekennen. Du bist mir zwar heute in dieser Umgebung zuerst gar – eigenthümlich vorgekommen, Wilhelm…“

„Sag’ ruhig: verrückt!“ warf dieser ein.

„Aber in Deinen Worten ist etwas, das mich betroffen macht. Ich wollte euch eigentlich nur erzählen, daß ich das Ziel erreicht habe. Die Million! nannte ich es damals. Wenn man ein Ziel zehnmal erreichen kann, hab’ ich’s.“

„Zehn Millionen?“ staunte Romeo.

„Donnerwetter!“ murmelte Excellenz.

„Ja, ungefähr – genau könnte ich es euch nur nach der nächsten Bilanz sagen. Aber hier will ich Bilanz machen. Das meinst Du doch, Wilhelm? Activa, Passiva. Ich habe mich geschunden, die erste Zeit. Nein, es ist nicht zu sagen, wie ich mich geschunden habe. Mein Doctordiplom warf ich gleich unter den Tisch, nachdem ich es hatte. Die Advocatur war mir zu dumm und armselig.“

„Ich danke,“ sagte Romeo.

„Entschuldige, ich vergaß, daß Du einer bist. Ich meinte nur, dabei kann man nicht reich werden. Ich warf mich auf das Eisenbahnwesen, das mir am meisten zu versprechen schien. Ich trat ganz unten als Beamter ein, als Streckenbeamter. Kinder, von dem Leben habt ihr keine Vorstellung. Da draußen auf einer verlorenen Station liegen, manchmal vierzehn oder sechzehn Stunden Dienst. Einerseits verblödet man, und anderseits geht man vor Aufregung zu Grunde. Die Verantwortung für jeden Zug, der durchbraust. Man steht mit einem Fuß im Zuchthaus

Empfohlene Zitierweise:
Theodor Herzl: Philosophische Erzählungen. Gebrüder Paetel, Berlin 1900, Seite 144. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Herzl_Philosophische_Erzaehlungen.djvu/149&oldid=3329559 (Version vom 1.8.2018)