Seite:Herzl Philosophische Erzaehlungen.djvu/179

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„Nicht immer. Ich lese viel. Freilich geschieht das ebenso planlos und kavaliermäßig und querfeldein, wie ich ehedem reiste. Ich erfahre dabei aber die merkwürdigsten Dinge. Zum Beispiel, daß es zu allen Zeiten Menschen gegeben hat, die sich die schmerzlose Ruhe des Gemüthes durch eigenes Nachdenken zerstörten. Wenn sie ihr Leid in sich hineinschweigen, so gehen sie spurlos vorüber, wie Nebelbilder auf der weißen Wand. Wenn sie es in die unverständlichen Worte einer selbsterfundenen Geheimsprache bringen, so nennt man sie Philosophen. Wenn sie aber dieses uralte Weh in lieblich gerundeter Rede vortragen, so daß es jeder verstehen mag, wenn sie einen duftenden Hauch von Melancholie oder das großartige Gelächter darüber breiten – dann nennt man sie Poeten. Erwäge ich es recht, so handelt alle Dichtung – die wahrhafte nämlich – von den beiden jungen Mädchen des Wiertz. Denn sie enthüllt das, was uns Allen gemeinsam, uns allen unsichtbar ist, das Skelett, den Menschen oder, wie ich sage, die schöne Rosalinde…“

Empfohlene Zitierweise:
Theodor Herzl: Philosophische Erzählungen. Gebrüder Paetel, Berlin 1900, Seite 174. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Herzl_Philosophische_Erzaehlungen.djvu/179&oldid=3329592 (Version vom 1.8.2018)