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entschuldigen Sie die Vertraulichkeit – aber Sie sind ein reizender Junge! …“ Fritz schluckt mannhaft einige Thränen hinunter, läßt sich die Antwort einhändigen und reitet zurück. Nur unterwegs hält er einmal an, bindet das Pferd an einen Baum, legt sich ins grüne Gras und weint bitterlich.

So geht’s die ganzen Ferien hindurch täglich hin und her. Nie hat ein gefühlvoller Gymnasiast schmerzlichere Ferien verlebt. Doch Alles geht vorüber. Es kommt der Tag, wo er zum letzten Male bei Max von Mergenthien eintritt, mit dem letzten Brief. Mit zuckenden Lippen, die zu lächeln versuchen, sagt er: „Ihr werdet euch jetzt einen anderen Boten verschaffen müssen, die Schulzeit ist wieder da.“

Max faßt seine Hand und drückt sie warm. „Wie soll ich Ihnen danken, lieber Fritz? Wir müssen Bruder werden, auf Du und Du! Denn Du bist ein reizender Junge!“

Fritz fühlt sich eigentlich sehr geehrt. Es ist der erste Leutnant, mit dem er sich duzt. Dennoch bringt er das vor, was ihn schon so lange bedrückt: „Wie Sie – wie Du mir danken sollst? Nenne mich nie mehr einen reizenden Jungen! …“

*     *     *

Wie durch einen feinen Schleier sieht er diese alten Bilder, gemalt mit den blassen Farben der Erinnerung, gemischt aus Traum und Wahrheit. Vom großen, sonnigen, blauen Hintergrunde des Meeres hebt sich eine Frauengestalt ab. Er blinzelt sie unter halbgeschlossenen Lidern hervor an. Frau Clara steht schon seit ein paar Minuten vor ihm, betrachtet ihn ergötzt.

Empfohlene Zitierweise:
Theodor Herzl: Philosophische Erzählungen. Gebrüder Paetel, Berlin 1900, Seite 200. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Herzl_Philosophische_Erzaehlungen.djvu/205&oldid=3329622 (Version vom 1.8.2018)