Seite:Herzl Philosophische Erzaehlungen.djvu/57

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festgestellt. Seit jener Nacht schämt sie sich vor mir, und sie will nicht, daß ich aus ihrem Gesang das Geheime höre, was sie in der Zeit durchgemacht hat. Sie will, daß ich vergesse. Jenes Ereigniß soll aus meiner Erinnerung vertilgt werden. Sarah Holzmann weiß nämlich nicht, wie sehr ich sie – wie sehr ich sie nicht vergessen kann. Und wenn ich sie, verborgen lauschend, singen höre. … Kommen Sie, vielleicht singt sie heute!“

Sie saßen im Boote. Herr Gerhard ruderte mächtig, daß sich das Schifflein ordentlich im Wasser bäumte. Es wurde dunkel. Als sie nur hundert Ruderschläge vom Seehofe waren und noch nichts hörten, gaben sie die Hoffnung auf. Herr Gerhard hatte eine Weile die Ruder nicht gebraucht. Eben wollte er sie enttäuscht wieder aufnehmen, da erscholl es lieblich von oben; eine Stimme, in der eine Seele enthalten war. Es flog leicht und hoch hinaus, rein als schwänge sich ein Vogel über den See.

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Theodor Herzl: Philosophische Erzählungen. Gebrüder Paetel, Berlin 1900, Seite 52. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Herzl_Philosophische_Erzaehlungen.djvu/57&oldid=- (Version vom 1.8.2018)