Seite:Herzl Philosophische Erzaehlungen.djvu/74

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Wir waren nach der Mahlzeit. Befanden uns in der glücklichen und nachsichtigen Stimmung, in der man bereitwillig braune Geschichten erzählt und selbst die rosenrothen nicht übermäßig höhnisch aufnimmt. Der Impresario Spangelberg,[1] der unser Tischgenosse gewesen, hielt denn auch den Augenblick für gekommen, uns wieder einmal ein Kapitel aus seinem Leben vorzutragen. Der Gasthaussessel, auf dem er so gerne rittlings sitzt, wird unter Spangelberg immer zum Hippogryphen. Wenn es ihn hinausreißt ins farbige Land der Erzählung, thun wir zwar entrüstet, lauschen aber doch den Worten des liebenswürdigen Lügners. Was da kommen wollte, erkannten wir an einer weiten erzählerischen Gebärde, die er vorausschickte. Er legte sich gewissermaßen aus wie ein Fechter:

„O, meine Herren, die Technik der Posaunenstöße allein macht nicht den Impresario. Sie genügte bloß für den Ruhm des biblischen Feldzeugmeisters von Jericho, des Ahnherrn jener Musik, die den Zuhörer zermalmt. Der Impresario von größerem Wuchs muß noch auf anderen Instrumenten spielen. Um die Massen zu bewegen, muß man sie annähernd verstehen. Die Menge unterscheidet sich, wie Sie wissen, nicht nur durch die Zahl vom Einzelnen; die Menge ist aus dem Einzelnen garnicht zu erklären; Hundert schläfrige Dummköpfe sind in der Vereinigung


  1. Spangelberg ist auch Hauptfigur der Erzählung Pygmalion
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Theodor Herzl: Philosophische Erzählungen. Gebrüder Paetel, Berlin 1900, Seite 69. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Herzl_Philosophische_Erzaehlungen.djvu/74&oldid=3329725 (Version vom 1.8.2018)