Seite:Herzl Philosophische Erzaehlungen.djvu/9

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Das Gesetz kann nur auf der Unzufriedenheit Aller beruhen.“

„Ein Tyrann könnte nicht anders denken.“

„Nur würde er es nicht sagen, mein guter Hipponikos. Der geheime Sinn meiner Gesetze war es, eine erträgliche Unzufriedenheit Aller herzustellen. Dieser Zustand ist nun erreicht. Ich habe noch die eine Sorge, wie ich ihn auf die Dauer erhalte. Denn das vermag nur ich allein.“

„Du willst also König werden, Solon?“

„Nicht doch! Wie wenig verstehst Du mich, und bist mein Freund! Ich wäre zwar fähig, Attika auch dieses Opfer zu bringen und in der Akropolis den Sitz meines hohen Ahnherrn Kodros einzunehmen. Welcher von den Eupatriden wollte mir es wehren? Doch wozu sollte ich das Abenteuer Kylons wiederholen? Denn bald wäre ich ein Kylon, meine Ordnung sähe aus, als hätte ich sie zu meinem Vortheil ersonnen, und es würden Demagogen die Unzufriedenheit ausbeuten, die der geheime Reichthum meiner Gesetze ist. Schon ängstigt mich meine eigene Macht, weil sie eine Gefahr für mein Gesetz bedeutet. Sieh’, es kommen alle Tage Männer von der Küste oder aus den Bergen zu mir und fragen mich, ob sich meine Verfügungen nicht irgendwie erleichtern ließen. Ich als der erste Archon, der Allgewaltige, könne doch thun und lassen, was ich wollte. Aber soll ich, wie Penelopeia, Nachts auftrennen, was ich bei Tage gewoben? Dann gibt es wieder Andere, namentlich unter den kleinen Handwerkern, die möchten den Grund einzelner Bestimmungen erfahren. Aber es wäre vergebene Mühe, dürfte wohl auch Schaden, wollte ich den Einzelnen erklären, was nur vom Staate aus gesehen verständlich wird. Es gibt Härten in meinem Gesetze, und manchmal

Empfohlene Zitierweise:
Theodor Herzl: Philosophische Erzählungen. Gebrüder Paetel, Berlin 1900, Seite 4. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Herzl_Philosophische_Erzaehlungen.djvu/9&oldid=3329742 (Version vom 1.8.2018)