Seite:Herzl Philosophische Erzaehlungen.djvu/94

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Kilchberg und sein Vetter Martin waren in derselben Stadt geboren und wuchsen dort zusammen auf. Frühzeitig ward der Freundschaftsbund der Beiden geschlossen, die ihr Leben in fortwährender Beziehung aufeinander verbringen sollten. Es war noch mehr eine Wahl- als eine Blutsverwandtschaft, obwohl Kilchberg und sein Vetter so vervettert waren, wie es selten vorkommt. Sie waren die Söhne von Zwillingsschwestern, die am gleichen Tage die Zwillingsbrüder Kilchberg die Aelteren geheirathet hatten.

Die beiden Jungen, Kilchberg und sein Vetter Martin, hatten also Alles gemeinsam, Blut und Namen, Jugend und Erziehung. Sie gingen zusammen in die Schule oder daneben; Einer stieg nicht ohne den Andern über Nachbars Zaun, wenn die Aepfel im Laube lachten und gestohlen sein wollten, und Alles theilten sie sich brüderlich. Man nannte sie schon früh die Zwillingsvettern. Als Kilchberg die erste Cigarre bei den großen Steinhaufen vor der Stadt rauchte, hielt Martin ihm den Kopf. Als Martin seine erste Liebe liebte, erwies ihm Kilchberg einen ähnlichen Dienst, denn er ließ sich Martins Gedichte vorlesen. Die Sympathie der Jünglingsjahre erreichte den Höhepunkt, als Kilchberg mit seinem Vetter zugleich durch das Abiturienten-Examen fiel. Die Legende wollte wissen, daß Einer von den Beiden sich dem Andern bei dieser Gelegenheit aus Freundschaft geopfert habe. Kilchbergs Vater war bei der schrecklichen Kunde schmerzerfüllt zu Martins Vater gelaufen und hatte

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Theodor Herzl: Philosophische Erzählungen. Gebrüder Paetel, Berlin 1900, Seite 89. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Herzl_Philosophische_Erzaehlungen.djvu/94&oldid=3329747 (Version vom 1.8.2018)