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Liste.png Illustrirte Zeitung, Nr. 1 vom 1. Juli 1843

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Introduction.

Wir wollen abreisen.

Allerdings wäre es sehr schön und paßlich, geliebter Leser, wenn ich Dir sagte, warum wir reisen, wohin wir gehen und weshalb es für mich wünschenswerth ist, daß Du die Reise mit mir machst.

Dies ungewöhnliche Vertrauen könnte aber möglicher Weise gefährlich werden.

Warum reist man überhaupt? Wol nicht blos, um sich des unbestreitbaren Vortheils der Luft- und Ortsveränderung zu erfreuen, sondern auch vorzüglich, um Unvorhergesehenes zu erleben und mit dem Zufall, versteht sich in allen Ehren, zu liebäugeln?

Würde Dir also nicht das Wenige, das ich Dir über unsere Reisepläne mittheilen könnte, schon im Voraus den größten Genuß verderben, die Freude überrascht zu werden nämlich? Würde man überhaupt irgendwo hingehen, wenn man ganz genau wüßte, wo man eigentlich hinkommt?

Du siehst es, geliebter Leser! um Deines eigenen Besten willen muß ich schweigen. Auch schweige ich und begnüge mich damit, Dir zu versichern, daß das Reisen in jedem Falle ersprießlicher ist, als das zu Hause Bleiben.

Glaubst Du, daß eine Reise, die ich in Deiner liebenswürdigen Gesellschaft mache, anders als angenehm sein könne? – Wir werden – ohne die Ehre Deiner Begleitung zu vergessen – den doppelten Gewinnst jeder Reise haben, die Freude der Abfahrt, und die der Heimkehr. Zwei Freuden, die wahrlich nicht freudlos sind und innerhalb dieser beiden noch außerdem alle jene kleinen ergötzlichen Abenteuer, an denen es vernünftigen und verständigen Reisenden gar nicht fehlen kann.

Ich bringe nicht einmal in Anschlag, lesender Freund, daß ich hoffe, Du werdest gut mit mir fahren, ohne Hindernisse, ohne Dich zu ärgern, ohne umzuwerfen, ohne zu viele Worte und zu große Kosten (wenn man davon überhaupt reden darf), ja selbst ohne von der Kälte zu leiden, vorausgesetzt, daß Deine Fenster wohl verwahrt sind und Dein Ofen gut versorgt. – Wir gehen gleich an das Ende der Welt, das versteht sich; ja vielleicht sogar ein Bischen nach einer anderen, wenn es Dir Spaß macht.

Und das Alles – bedenke wohl! ohne daß Du Deine allerliebsten Kinder – wenn Du welche hast – zu verlassen brauchst. Sie sind nirgends zu viel, und hier am Allerwenigsten. Auch von Deinen Freunden, die Dich lieben, und von Deinem Ofen, den Du liebst, kurz von Nichts, was Dir gefällt oder Dich zurückhält, weder von Diesem noch von Jenem, dessen Namen Du besser weißt als ich, bist Du genöthigt, Dich zu trennen.

Abreisen und daheim bleiben; daheim bleiben und fortreisen, das ist die Aufgabe, die wir, so es Dir recht ist, versuchen wollen, mit einander zu lösen.

Wenn man es so haben kann, wer reist da nicht! Es ist so hübsch, zu reisen und kann so neu sein! Und wer bliebe nicht daheim? Es ist so süß, zu Hause zu bleiben – und so leicht.

Aber wozu bei einer so vernünftigen Sache noch Gründe aufsuchen wollen, die vielleicht nicht so vernünftig und dennoch nicht minder gut sein können?

Es handelt sich darum, zu reisen. Reisen wir also, selbst auf die Gefahr hin, nicht zu wissen, ja sogar niemals zu erfahren, warum wir eigentlich uns auf die Reise begeben haben.

Eine bessere Reisegesellschaft, als die Deinige, kann es nicht geben, Freund Leser! Also, in Gottes Namen, vorwärts! – Wir werden ein herrliches Tagebuch führen, und ich sehe schon im Geiste schöne Augen, vielleicht für Dich die schönsten, sich darin vertiefen.

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Wie angenehm, wenn diese schönen Augen
Mit Dir, in Dich zugleich sich mild versenken.
Aus Deinen Zeilen Lust und Freude saugen,
Und wo Du an sie dachtest, Dein gedenken.

Du reistest ja mit mir; was ich beschreibe,
Ist’s nicht so gut, als hättest Du’s geschrieben?
Gefällt es nur dem heißgeliebten Weibe,
Wirst Du belohnt, weil du verstehst zu lieben.

Denn nur für Sie bist Du mit mir gezogen,
Um den Gewinn zu Füßen Ihr zu legen;
Du trotzest mit mir sturmgepeitschten Wogen,
Begleitest mich auf ungebahnten Wegen.

Als Held Ihr fern, als Liebender zur Seite,
Ihr gegenüber und auf fremden Meeren,
So zieht Sie mit Dir ängstlich in die Weite,
Doch fließen dieser Trennung keine Zähren.

Sie wird gar manches Neue Dir erzählen,
Das Du erlebtest und bisher nicht kanntest,
Gar Manches sich zu Schmuck und Freude wählen,
Das fremd Dir blieb und Du Ihr selbst doch sandtest.

Nur diese Blätter brauchst Du Ihr zu bringen,
Um an dies größte Wunder selbst zu glauben. –
Fort! Hörst Du nicht des Posthorns freudig Klingen,
Die Peitschen knallen und die Pferde schnauben?


Empfohlene Zitierweise:
: Illustrirte Zeitung, Nr. 1 vom 1. Juli 1843. J. J. Weber, Leipzig 1843, Seite 13. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Illustrirte_Zeitung_1843_01.pdf/13&oldid=- (Version vom 15.8.2018)