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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

 Dieses Verfahren ist höchst ungerecht, weil die Magyaren, indem sie dies thun, die freie Ausübung der angebornen Rechte ihrer nichtmagyarischen Mitbürger hindern. Die Magyaren haben durch Energie und geistige Präpotenz am ungarischen Reichstage ein Gesetz verfasst, welches die magyarische Sprache zur Geschäftssprache erhoben hat. Dagegen kann ein gescheidter Mann jetzt nichts mehr einwenden; der Reichstag war ja aus allen Elementen, die in Ungarn vorkommen, zusammengesetzt; warum schwieg der Slawismus? Warum lag er vor dem Magyarismus im Staube? Nun muss das Gesetz heilig sein; so lange es besteht, darf Niemand gegen dasselbe auftreten. Entwickelt sich aber ein dem Magyarismus entgegengesetzter, vielleicht noch kräftigerer Geist, so kann das, was im Wege der Gesetzgebung drückend gewesen ist, im Wege derselben Gesetzgebung leichter gemacht werden. Die grösste Ungerechtigkeit besteht in der ungesetzlichen Ausdehnung des Gesetzes. Indem das Gesetz die magyarische Sprache zur Geschäftssprache erhob, wollte es nicht, dass die magyarische Sprache in das Privat-Nationaleigenthum der übrigen, nicht magyarischen Völker eindringe. Der Magyare kann nunmehr verlangen, dass wenn er den Volksrepräsentanten im Kreise der Legislation oder Staatsadministration gegenüber steht, dieselben magyarisch sprechen und schreiben. Kaum dass die Volksrepräsentanten ihre Toga ablegen und in das Sanctuarium ihrer heimischen, angeborenen, in die Staatsadministration nicht eingreifenden Nationalität zurückkehren, so höret jede Verpflichtung gegen den Magyarismus auf. Die Ausbildung der Sprache, der Genuss, den die heimische Literatur gewährt, die Sitten, Gebräuche, die Tracht u. s. w. sind heilige Pflichten, Sachen und Gegenstände der Verehrung, der Anbetung, der Unveräusserlichkeit! Wie denn? Wäre es möglich, dass man in einem constitutionellen Staate ein Regulamentum vorschreiben wollte: in welcher Sprache jeder zu reden, zu schreiben, zu dichten habe? Welche Kleidung zu tragen, welche Gebräuche zu befolgen? Sind das die Früchte des Liberalismus, der gesunden Freiheit? Das sind Dämonen, die der Tyrannismus erzeugte! Der höchste Zweck des ungarschen Staates kann nun und nimmer der Magyarismus sein, denn er trägt nicht die Glückseligkeit aller ungarischen Staatsbürger in sich, folglich kann man die Bürger auch nicht dazu zwingen, um so mehr, da die übrigen Völker ihren Rechten gar nicht entsagen können, weil sie sich ihrer Menschlichkeit und der ihr angeborenen Rechte nicht entäussern dürfen. Zu den Grundzeichen ihrer Eigenthümlichkeit gehöret die Nationalcharakteristik, ohne welche sie aufhören das zu sein, was sie sind; der Sieger, der einer Nation solche Rechte raubet, soll nie ruhig auf seinen Lorbeern schlafen; jede Gelegenheit darf der Gefallene ergreifen, um sich zu erheben und seine Rechte zu reclamiren. Hier gilt keine Verjährung! So wie kein Magyare einzelne Menschen morden darf, so darf auch die ganze Magyarennation kein anderes Volk seiner Lebenselemente berauben; einer Nation aber Sprache, Sitten, Gebräuche, und dadurch den Weg zur Aufklärung und Freiheit nehmen, heisst sie todtschlagen. Vieles haben wir gelesen und gehört, dass die Magyaren nichts weniger als die Absicht haben, die anderen Völker zu entnationalisiren; die tägliche Praxis hat dennoch das Gegentheil bewiesen. Was bedeutet der überall gegen die Slawen an den Tag gelegte Hass? Was die magyarischen Predigten, die man in slawischen Kirchen ertönen lässt? Was bedeutet der übermässige Eifer, mit welchem man slawische Kinder zur Erlernung der magyarischen Sprache in den Schulen zwinget? Was bedeutet die Bereitwilligkeit, mit welcher die Magyaren und ihre noch eifrigeren Mithelfer, die slawischen Renegaten, dieser schändlichste Auswurf der Menschheit, an der Ausrottung der slawischen Nationalität, an der Verdächtigung der Slawen arbeiten? Was bedeutet denn dieses schöne Bestreben, durch welches unsere braven, unter der Larve des Magyarismus steckenden Vetero-Kroaten magyarische Diener, magyarische Ammen, magyarische Herrschaftssiegel u. s. w. ins Land der Kroaten einführen? In unser freies, von Ungarn in Hinsicht seiner inneren Consistenz unabhängiges Kroatenland? Wenn man bei uns solche Veränderungen

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 163. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/174&oldid=- (Version vom 3.11.2018)