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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

unterstützte das regierende Haus Luxemburg die Wissenschaften und Künste, später bemühte sich das österreichische, nach Möglichkeit den Saamen der örtlichen Kultur zu entwickeln. Ungeachtet aller dieser Vortheile jedoch blieb ihre Literatur einigermaassen wie kalt und todt. Es scheint, als hatte die todtdrohende Krankheit im Schoosse dieser politischen Gesellschaft geruht, welche zur Erkenntniss ihrer selbst nicht kommen, und seine Bestimmung zwischen den christlichen Völkern nicht errathen konnte. Vielleicht war die glückliche Lage, die ungetrübte Ruhe selbst die Ursache des Unglücks der Czechen? Während die russinischen Länder unter dem starken Drucke der mongolischen Atmosphäre alle Urstoffe ihrer Kräfte entwickelten, während Polen durch die von der Türkei heraneilenden Stürme in einem fort erschüttert wurde, waren die Czechen gedeckt durch Polen und Ungarn in fortwährender Berührung vermöge Oesterreichs mit dem kultivirten Theile Europas. Diese Civilisation wollten sie bei sich häuslich machen, entnahmen dieselbe von Aussen, hatten aber im Innern nichts, sie zu nähren.

 Alle slawischen Völker zusammengenommen haben nicht so viel geschrieben als sie; dessen ungeachtet hat ihre Literatur keine selbstständige Kraft, schuf kein eigenes Erzeugniss, war immer nachahmend. Daher fing man allmählig an, die Muster der Nachahmung vorzuziehen, und die deutsche Sprache nahm den Vorrang vor derjenigen der Väter. Nach einiger Zeit erhoben sie sich zwar zur Vertheidigung ihrer Volkstümlichkeit, aber auch dieser Kampf fiel unglücklich aus, weil sie die Volkstümlichkeit blos von ihrer am meisten materiellen, oberflächlichen Seite begriffen, und bloss auf den Stamm und die eigene Sprache dieselbe stützten. Die Zunge war ihnen nicht eigentlich Sprache, sie betrachteten sie blos als Werkzeug, als Mittel zur Mitteilung des Gedankens, nicht aber für den Schooss, der denselben schafft. Sie begriffen es nicht, dass die Sprache nur durch ihre innere Macht fortleben kann, dass ihre Anziehungskraft im geraden Verhältniss stehe zum Gesammten der Wahrheit, die sie enthüllt, ihre Wirkungskraft nach Aussen im Verhältniss der Masse des Lichtes und der Wärme, die sie ausgiebt. Anstatt also die siegende Kraft ihrer Sprache in der Wahrheit zu suchen, wollten sie den Triumph derselben in der materiellen Kraft finden. Ohne sich zu bemühen, gründlicher und erhabener als die Deutschen zu schreiben, vermeinten sie, mit geschriebenen Urkunden das Deutschtum von der Universität Prag zu vertreiben; ihre Volkstümlichkeit und Sprache trachteten sie mit Gesetzartikeln und dem Schwerde zu schirmen. — Ein so beengter nationaler Geist hatte nicht wenig Einfluss auf ihre Religionsansichten; diesen Geist, als den Vergegenwärtiger der volkstümlichen Kirche, unterstützte über Alles die Kirche selbst, welche die czechische Sprache adoptirte und rein czechische Dogmen hatte. — Nachdem sie sich kopfüber mit dem Feuer eines jugendlichen, fast barbarischen Volkes in den Religionskampf geworfen hatten, gebrauchten sie die theologischen Artikel, wie die Wilden die Waffen oder den Branntwein, ihnen von der neuern sogenannten Civilisation dargereicht, gebrauchen, — nämlich zur eigenen Vernichtung, zur eigenen Vertilgung. Oesterreich, damals der Vertreter des allen Europa, vermochte allmählig dieses Feuer zu dämpfen, die Kraftanstrengung für seine Zwecke zu lenken, die Ermüdeten zu unterjochen, und einmal Herr des erschöpften Volkes, rottete es mit Erbitterung seine Literatur als durchdrungen von gefährlichen Dogmen, als das Zeughaus der Rebellion aus. Zwei Jahrhunderte hindurch wurden mit der grössten Emsigkeit alle Denkmäler Böhmens zerstört, bis endlich, als die Feindschaft schon besänftigt, fast in Vergessenheit gerathen war, als die Böhmen schon vielemal Beweise der Anhänglichkeit an das österreichische Haus gegeben hatten, diese Regierung in unsern Tagen anfing, sie zu unterstützen, und sogar ihre nationalen literarischen Unternehmungen zu ermuntern. Merkwürdig und auffallend ist jedoch die Erscheinung, dass jener czechische Geist, welcher so lange umsonst nach seiner Bahn zur Zukunft gestrebt hatte, grade jetzt beim Aufwachen nach einem langen Schlafe auf einmal die ihm gehörige Stellung findet. Fast scheint es, die Czechen hätten erkannt, was ihr Beruf sei, wenigstens

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 226. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/237&oldid=- (Version vom 30.8.2018)