Seite:Knortz-Ein amerikanischer Diogenes (Henry D.Thoreau).djvu/15

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damit Menschen zu kaufen, oder Gewehre anzuschaffen, mit denen Menschen erschossen würden. Als nun Thoreau einst Concord besuchte, um seine Schuhe flicken zu lassen, ward er einfach wegen rückständigen Steuern eingesteckt, was ihm jedoch nicht die geringsten Kopfschmerzen verursachte.

Sobald Emerson dies erfuhr, eilte er nach dem Gefängnisse. „Henry“, fragte er, „weshalb bist Du hier?“

„Ralph,“ erwiderte Thoreau, „weshalb bist Du nicht hier?“

Er hatte nämlich gehofft, daß seinem Beispiele Tausende folgen würden, denn er war überzeugt, daß unter einer ungerechten und tyrannischen Regierung das Gefängniß der einzig anständige Aufenthaltsort für denkende Menschen sei.

Thoreau mußte nun wirklich eine Nacht im Gefängnisse zubringen. Als ihm am nächsten Morgen mitgetheilt wurde, daß er wieder gehen könne, da seine Steuern bezahlt worden seien, holte er seine beim Schuster zurückgebliebenen Schuhe und eilte wieder in seine Hütte zurück, in der sich keine ungerechte Staatsgewalt bemerklich machte.

Im Herbste 1847 kehrte Thoreau wieder nach Concord zurück, um sich im Hause seines Vaters einzuquartiren. Sein Einsiedlerleben hatte ihn davon überzeugt, daß das Leben durchaus keine Plage, sondern ein angenehmer Zeitvertreib sei, wenn man nur das Wichtige von dem Unwichtigen unterscheiden könne. Er hatte seine Lebensphilosophie praktisch erprobt und schien mit dem Resultate vollständig zufrieden zu sein.

Thoreau hatte wenige Freunde; er erwartete zu viel von denselben und hatte zu wenig dafür zu geben; auch war er der Ansicht, daß man mit der Natur und den Menschen nicht zu gleicher Zeit sympathisiren könne. Für die Klagen, Schmerzen und Sorgen seiner Bekannten ging ihm, dem kalten Stoiker, jedes Verständniß ab. Zuweilen konnte er recht lustig sein, besonders wenn sich eine Anzahl Kinder um ihn versammelt

Empfohlene Zitierweise:
Karl Knortz: Ein amerikanischer Diogenes (Henry D. Thoreau). Verlagsanstalt und Druckerei A.-G., Hamburg 1899, Seite 15. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Knortz-Ein_amerikanischer_Diogenes_(Henry_D.Thoreau).djvu/15&oldid=- (Version vom 1.8.2018)