Seite:Knortz-Ein amerikanischer Diogenes (Henry D.Thoreau).djvu/23

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Einsamkeit schafft ihnen ihr krankes Gehirn gewöhnlich Gesellschaft in Gestalt aufdringlicher Teufel und Teufelinnen, mit denen sie dann auf Tod und Leben kämpfen und so ihre müßigen Stunden ausfüllen.

Als Abwechslung ist die Einsamkeit gesund, ja, für jeden denkenden Menschen ein unabweisbares Bedürfniß; eine solche Einsamkeit ist die Ruhe, in der man für den späteren Kampf mit der Welt seine Kräfte mustert und seine Pläne schmiedet. Beständige Einsamkeit hingegen verhärtet das Herz und macht grillenhaft und hypochondrisch. Nietzsche’s Hang zum einsamen Grübeln und sein Abschluß von jedem menschlichen Verkehr führte ihn in’s Irrenhaus.

Auch der einsame Faust verlor das geistige Gleichgewicht und trug sich mit Selbstmordgedanken, bis er dann auf langen und beschwerlichen Umwegen der menschlichen Gesellschaft als nützliches Mitglied wieder zurückgegeben wurde. Wer die Menschen belehren und reformiren will, muß zuerst ihre Ansichten kennen und diese erfährt man nur durch den täglichen Verkehr mit ihnen, der allerdings nicht immer angenehm ist. Der hinter Klostermauern vergrabene Mönch bessert und veredelt die Menschheit nicht; sein Wirken hinterläßt keinen bemerkenswerthen Einfluß und sein Tod keine empfindliche Lücke. Man mag die Weltflucht als auf unangenehmen Erfahrungen beruhend manchmal beschönigen oder rechtfertigen; haltbar aber sind alle Gründe dafür schon deshalb nicht, weil der Mensch so zu sagen ein Heerdenthier und zur Erhaltung seiner Existenz auf die Hülfe Anderer angewiesen ist. Außerdem liefern uns die Schwächen und Fehler unserer Mitmenschen mehr Stoff zu philosophischer Gedankenarbeit als alle Maximen der Weisen, die in einsamer Studirstube ausgeheckt worden sind. Lernt doch auch ein Arzt mehr an Kranken als an Gesunden. Findet der zartfühlende, leicht zu beleidigende Mensch keine Perlen im

Empfohlene Zitierweise:
Karl Knortz: Ein amerikanischer Diogenes (Henry D. Thoreau). Verlagsanstalt und Druckerei A.-G., Hamburg 1899, Seite 23. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Knortz-Ein_amerikanischer_Diogenes_(Henry_D.Thoreau).djvu/23&oldid=- (Version vom 1.8.2018)