Seite:Letzte Stunden, Tod und Begräbniß des hochwürdigen Herrn Pfarrers Wilhelm Löhe.pdf/6

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 Ihr Bruder in der Geburt, Ihre Speise beim Mahle, Ihr Lösegeld im Tode und Ihr Lohn in Seinem ewigen Reiche – das ist Er, das sei Er. Ich weiß nicht, ob Sie sich und Ihren Zustand richtig beurteilen, aber wenn Ihr Gefühl der Todesnähe Sie nicht trügen sollte, dann sei der HErr Ihr Beistand auf Ihrem Todesgange, und wie Er sich erhob von seinem himmlischen Sitze, um dem Todesleiden seines Märtyrers Stephanus zuzuschauen, so reiche Er Ihnen aus Seiner ewigen Höhe die durchbohrte Hand und stärke Sie, wenn Sie in Todesnot geraten. So etwa waren meine Worte, worauf er kräftig „Amen“ sagte. Selbst tief ergriffen, gieng ich weg und heute noch, ja alle Tage meines Lebens will ich mich freuen, daß ich ihm zum letzten Male die Speise des Lebens reichen durfte, die ich so oft aus seinen Händen empfieng.

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 Es trat in den folgenden Tagen eine Wendung zur Besserung ein. Am Neujahrstage fühlte er sich so kräftig, daß er in seiner Sophaecke sitzend die Menge der Glückwünschenden, die sich wie alle Jahre in Schaaren zu ihm drängten, in Empfang nehmen konnte“ Es war ein Tag, den ihm Gott bereitet hatte – ach! wer ahnte es, daß es ein Abschiedstag sein, und daß am andern Tag seiner Seele ein Freudenempfang im Himmel bereitet, Glückwunsch und Willkomm ihm von den Seligen gesagt werden würde. Die strahlende Heiterkeit, die an diesem Tage sein Angesicht verklärte, fiel dem und jenem auf, doch niemand ahnte Schlimmes. Ganz besonders erfreute ihn der Neujahrswunsch einer Schwester, die ihm wünschte, er möchte im neuen Jahre das Gehen wieder lernen. So groß war nämlich in den letzten Wochen seine Schwachheit geworden, daß die Füße (die „Unterthanen“, wie er scherzend sich ausdrückte) ihm den Dienst versagten. Heiter lächelnd erzählte er ein paar Freunden, die sich glückwünschend bei ihm zusammengefunden hatten, wie sehr ihn jener Wunsch erfreut hätte. Ich wünschte, Sie könnten wieder einmal an die frische Luft gehen – sagte einer der anwesenden Freunde. Da wäre es noch besser, wenn ich wieder predigen könnte – erwiderte er. Und ein anderer versetzte: Da wäre es noch besser, wenn Du lieber gar fliegen könntest. Es lag ein unbewußter Ernst im heiteren Scherz. Bald wuchsen der Seele die Flügel, aufzufahren wie ein Adler in die ewigen Höhen. „Der Geist ist ein Vogel, ein geflügelt Wesen – hatte er oft gesagt. Aber hienieden sucht er vergebens, sich aus den Banden seines Leibes zu entschwingen. Er versucht den Flug, sinkt aber immer wieder zur Erde nieder, es geht ihm wie es Homer in jenem schönen Gleichniß von den jungen, noch nicht flügge gewordnen Vögeln schildert. Aber im Sterben bekommt die Seele Flügel, um der Erde zu entrinnen, wie ein Vogel entrinnt dem Stricke des Voglers.“ Er lernte nun Gang und Flug zur Ewigkeit. Aber wie schön und wie von Gott ihm bescheert war es, daß seine glückwünschende Heerde wie zur letzten Musterung noch einmal an ihm vorüber gehen, und daß er