Seite:Lewicky Die Ukraine 1915.pdf/27

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ukrainischer nationaler Bestrebungen umwandelte, wurde aber ohne Unterlaß weitergearbeitet. Obwohl hier der sogenannte Ausgleich mit den Polen vom Jahre 1867 das ukrainische Volk den polnischen Machthabern des Landes auslieferte, so war die Lage für die Ukrainer eben doch insofern günstiger, als ihnen die konstitutionelle Verfassung Österreichs ihren Schutz gewährte. Tausende von Volkslesehallen und Vereinen wurden hier gebildet, wirtschaftliche Organisationen gegründet, wissenschaftliche Anstalten aus eigenen Kräften ins Leben gerufen. Schließlich mußte auch hier, mit Rücksicht auf das zunehmende nationale Bewußtsein in der ukrainischen Bevölkerung, der Druck erleichtert und dem ukrainischen Volke zumindest ein Teil seiner Rechte wiedergegeben werden. Bereits vor dem Ausbruche des Krieges verfügten die Ukrainer in Galizien und der Bukowina über zwanzig eigene Mittelschulen und mehrere Lehrkanzeln an der Lemberger Universität, die zwar von Kaiser Franz I. seinerzeit eben für die ukrainische Bevölkerung bestimmt, jedoch nach dem bereits erwähnten Ausgleiche von Polen widerrechtlich besetzt worden war.

Hand in Hand mit der kulturellen, literarischen und wissenschaftlichen Arbeit, um die sich insbesondere der Schewtschenkoverein in Lemberg (Ukrainische Gesellschaft der Wissenschaften) verdient machte, ging auch die politische Erhebung des ukrainischen Volkes. Tatsächlich gelang es dem Zarentume trotz aller Gewaltmaßregeln nie, den politischen Gedanken im ukrainischen Volk ganz auszulöschen. Unter den Trümmern der Vergangenheit glomm ununterbrochen der Funke des nationalen Selbstbewußtseins, der nur wartete, um in hellen Flammen aufzulodern. Bereits im Jahre 1791 ging Graf Kapnist an den preußischen Hof, um als Gesandter des ukrainischen Adels die Hilfe des Königs von Preußen für die Ukraine zu suchen. Die Dekabristenverschwörung vom Jahre 1825 wurde von der russischen Regierung vielfach auf die geheime Wühlarbeit ukrainischer

Empfohlene Zitierweise:
Eugen Lewicky: Die Ukraine der Lebensnerv Rußlands (= Ernst Jäckh (Hg.): Der Deutsche Krieg, 33). Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart u. Berlin 1915, Seite 28. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Lewicky_Die_Ukraine_1915.pdf/27&oldid=- (Version vom 24.2.2022)