Seite:Lewicky Die Ukraine 1915.pdf/8

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Hälfte des 14. Jahrhunderts an Polen kam, während die übrigen ukrainischen Fürstentümer ihre Selbständigkeit auf die Weise zu retten trachteten, daß sie sich mit Litauen zu einem Staate auf Grund voller Autonomie vereinigten. Aber auch diese relative Unabhängigkeit dauerte nicht lange; bereits im Jahre 1569 erfolgte die berüchtigte (Lubliner) Union Litauens mit Polen, durch welche die ukrainischen Gebiete dem Königreich Polen ohne irgendwelche Rechte einverleibt und der polnischen Gewaltherrschaft wie ein erobertes Land ausgeliefert wurden.

So spielten die Ukrainer im Mittelalter volle fünf, relativ sogar volle acht Jahrhunderte im Osten Europas als ein selbständiger Staat neben Byzanz eine geradezu ausschlaggebende Rolle, und zwar in einer Zeit, in welcher von Rußland im Sinne der politischen Vormacht der moskowitischen Stämme noch überhaupt keine Rede war. Die moskowitischen Stämme bildeten damals bloß die zwei ganz unbedeutenden Fürstentümer von Suzdal und Moskau, welche Fürstentümer, ganz im Norden gelegen, fast unbeachtet ihr Leben fristeten und gar keinen Einfluß auf Osteuropa ausübten. Erst die Niederwerfung der ukrainischen staatlichen Unabhängigkeit und der bald darauf eingeleitete Kampf um den Zugang zur Ostsee und zum Schwarzen Meere, welcher Kampf mehrere Jahrhunderte in Anspruch nahm und die Ukraine in Blutströmen zugrunde richtete, haben das Russentum dank der günstigen geographischen Lage zu einem Machtfaktor gemacht und diesem in der Völkerfamilie jene Stellung verschafft, welche das russische Zarenreich seit dem 17. Jahrhundert, seit Peter I. und Katharina II., einnimmt.

Nach der aufgezwungenen Vereinigung mit Polen im Jahre 1569 schuf das seiner Autonomie beraubte ukrainische Volk eine neue Macht aus sich selbst heraus, welche es gegen

Empfohlene Zitierweise:
Eugen Lewicky: Die Ukraine der Lebensnerv Rußlands (= Ernst Jäckh (Hg.): Der Deutsche Krieg, 33). Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart u. Berlin 1915, Seite 9. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Lewicky_Die_Ukraine_1915.pdf/8&oldid=- (Version vom 24.2.2022)