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den wir aber gänzlich bei dem Gesange obbemeldeter beider Vögel vermissen. Vögel singen nur, um bei den Damen ihres Herzens Eindruck zu schinden; das ist wissenschaftlich festgestellt. Der Zaunkönig und die Wasseramsel singen aber auch ohne derartige eigennützige Nebenabsichten, sie singen vollkommen unentgeltlich, wenn man nicht annehmen will, daß sie auf Vorschuß Eindruck schinden und sich den Winter über in empfehlende Erinnerung bringen wollen, bis die Zeit kommt, da die Sache ihre süßen Zinsen trägt. Vielleicht wollen sie sich aber mit ihrem Singsang auch etwas über die sieben mageren Monaten hinwegtrösten; denn, da sie beide Insektenfresser sind, müssen sie sich ziemlich notdürftig durchschlagen.

Der Zaunkönig hat übrigens noch eine sonderbare Angewohnheit, das heißt, insoweit er zum stärkeren Geschlechte gehört. Er baut sich nämlich auch im Winter ein Nest, und zwar nicht zu dem Behufe, um darin Eier zu legen, denn das will und kann er nicht, sondern nur so. Und in einem solchen Neste sitzt dann oft nicht nur ein einziger Zaunkönigherr, sondern oft zwei bis siebzehn Junggesellen, beziehungsweise Strohwitwer, eine Tatsache, die ihresgleichen nur noch in England und davon beeinflußten Ländern hat, wo die unbeweibten Männer sich Klubhäuser bauen und sich darin nach der Schwierigkeit mopsen, obgleich sie so tun, als wäre das Gegenteil der Fall. Aber, du lieber Himmel, die reichhaltigste Bücherei, der vollste Weinkeller, das teuerste Billard, die großartigste Küche und die feinsten Klubmitglieder mit den hochwohl- und hochgeborensten Namen, auf die Dauer wärmen sie das Herz doch nicht so, wie eine einzige kleine Frau. So denkt wenigstens der Zaunkönig, denn sobald es eben geht, pfeift er auf die ganze Klubherrlichkeit und sucht sich eine, der er gerade so gut gefällt, wie sie ihm.

Im Winter kommen überhaupt manche Vögel auf die viereckigsten Gedanken. Da ist z. B. der große Buntspecht, ein

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Hermann Löns: Der zweckmäßige Meyer. Sponholtz, Hannover 1911, Seite 96. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loens_Der_zweckmaessige_Meyer.pdf/102&oldid=- (Version vom 1.8.2018)