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MÖBEL UND MENSCHEN
Zu einem handwerksbuch
(1929)


Als ich als kleiner knabe zum ersten male das Österreichische Museum – so heißt in Wien das kunstgewerbemuseum – betrat, fielen mir vor allem andern zwei mächtige holztafeln auf. Sie waren so zusammengefügt, daß durch die farbe und den flader der verschiedenen hölzer ein historiengemälde entstand, und haben noch auf mich als mann den nachhaltigsten eindruck gemacht. Die figuren hatten lebensgröße, die tafeln maßen je 360 cm in der höhe und 373 cm beziehungsweise 377 cm in der breite. Woher ich das weiß? Ich entnehme diese daten dem biographischen werk von Hans Huth: „Abraham und David Roentgen und ihre Neuwieder Möbelwerkstatt“. Es ist der werkstätte gewidmet, aus der jene „hölzernen tapisserien“ hervorgegangen sind.

Dieses buch macht uns nicht nur mit dem leben und werk des größten „ebenisten des jahrhunderts“ – so nennt der enzyklopädist baron Grimm in einem empfehlungsbrief an Katharina II. David Roentgen – bekannt, sondern wir lernen auch seinen vater Abraham und die anfänge der werkstätte kennen. Abraham Roentgen, ein rheinländer, arbeitete in Holland und ließ sich dann in London nieder. Darin liegt das entscheidende. In Huths buch wird gezeigt, daß man, als die werkstätte schon nach Neuwied bei Koblenz verlegt war, stiche aus Chippendales werk verwendete. Auch wurden die schubladen nach englischem muster mit einem kleinen, vorstehenden wulst umrandet, was bei den deutschen tischlern nicht üblich war.

Empfohlene Zitierweise:
Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 431. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/433&oldid=- (Version vom 1.8.2018)