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DIE FUSSBEKLEIDUNG
(7. august 1898)


„Tempora mutantur, nos et mutamur in illis!“ Die zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen. Und das tun auch unsere füße. Bald werden sie klein, bald groß, bald spitz, bald breit. Und der schuster macht daher bald große, bald kleine, bald spitze, bald breite schuhe.

Von saison zu saison allerdings wechseln unsere fußformen nicht. Dazu bedarf es oft einiger jahrhunderte, zum mindesten aber eines menschenalters. Denn im handumdrehen kann aus einem großen fuß kein kleiner werden. Da haben es die anderen bekleidungskünstler besser. Starke taille, schwache taille, hohe schultern, tiefe schultern, und so vieles andere – da kann man durch neuen schnitt, durch watte und andere hilfsmittel abändern. Doch der schuster muß sich streng an die jeweilige fußform halten. Will er kleine schuhe einführen, so muß er geduldig warten, bis das großfüßige geschlecht abgestorben ist.

Aber es haben auch nicht alle menschen zur selben zeit die gleiche form der füße. Leute, die ihre füße mehr brauchen, werden größere, leute die sie selten gebrauchen, kleinere füße bekommen. Wie soll sich da der schuster helfen? Wessen fußform soll für ihn maßgebend sein? Denn er wird bestrebt sein müssen, moderne schuhe zu arbeiten. Auch er will vorwärtskommen, auch er ist von dem bestreben erfüllt, seinen erzeugnissen möglichst große verkaufbarkeit zu verleihen.

Er macht es daher, wie es alle übrigen gewerbe tun. Er hält sich an die fußform derjenigen, die gerade die

Empfohlene Zitierweise:
Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 85. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/84&oldid=- (Version vom 1.8.2018)