Seite:Loos Sämtliche Schriften.pdf/85

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soziale herrschaft inne haben. Im mittelalter herrschten die ritter, die reiter, leute, die durch das häufige sitzen auf dem pferde kleinere füße als das fußvolk besaßen. Daher war der kleine fuß modern, und durch eine verlängerung (schnabelschuhe) wurde der eindruck der schmalheit, auf den es vorzugsweise ankam, noch verstärkt. Als aber das rittertum in verfall geriet, als der zu fuß gehende bürger in den städten zum höchsten ansehen gelangte, da kam der große, breite fuß des langsam einherschreitenden patriziers in mode. Im siebzehnten und achtzehnten jahrhundert hat das stark ausgeprägte höfische leben das zufußgehen wieder abkommen lassen, und durch den starken gebrauch der sänfte kam der kleine fuß (der kleine schuh) mit hohem absatz (haken) zur herrschaft, der wohl für park und schloß, nicht aber für die straße taugte.

Das wiederaufleben der germanischen kultur brachte neuerlich das reiten zu ehren. Alles, was im vorigen jahrhundert modern fühlte und dachte, trug den englischen reitschuh, den stiefel, auch wer kein pferd besaß. Der reitstiefel war das symbol des freien menschen, der nun endlich die schnallenschuhwirtschaft, die hofluft, das gleißende parkett überwunden hatte. Wohl blieb der fuß klein, doch der hohe haken, den der reiter nicht brauchen kann, wurde weggelassen. Das ganze darauffolgende jahrhundert, also das unsrige, war daher von dem bestreben nach einem möglichst kleinen fuß erfüllt.

Aber schon im laufe dieses jahrhunderts begann der menschliche fuß eine wandlung durchzumachen. Unsere sozialen verhältnisse haben es mit sich gebracht, daß wir von jahr zu jahr schneller gehen. Zeit ersparen heißt geld ersparen. Auch die vornehmsten kreise, also leute,

Empfohlene Zitierweise:
Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 86. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/85&oldid=- (Version vom 1.8.2018)