Seite:Luebische Geschichten und Sagen.djvu/21

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
10. Der Hirsch.

Als Kaiser Karolus Magnus eines Tages an der wendischen Grenze jagte, gelang es ihm durch sonderliche Kunst, einen schönen, großen Hirsch zu stellen. Schon hat er den Bogen gespannt: da sinkt das stolze Thier in die Knie und schmiegt sich ihm freundlich an. Nun legt der Kaiser ihm ein golden Halsband um, mit Kleinodien geschmückt, und gräbt die Zahl der Jahre hinein, die seit Christi Geburt vergangen. Vierhundert Jahre danach sieht Herzog Heinrich der Löwe täglich morgens früh von seinem Schloß in der Hertogen-Grube einen Hirsch zur Quelle kommen, die auf dem Berg entspringt. Er befiehlt den Hirsch zu fangen, und sieht, da er den Halsschmuck betrachtet, daß zwischen dem mächtigen Gehörn ein goldnes Kreuz aufgewachsen ist. Das rührt ihm das Herz; er läßt also auf der Stelle, die der Hirsch besucht, den Grund zur Domkirche legen, und giebt ihr zum Wappen ein goldnes Kreuz im rothen Felde.

Aber die Quelle hat er nicht ganz bezwingen können und wenn man recht zuhört, so rauscht sie noch im tiefsten Grund. Daher sind auch die Thürme schief.

Empfohlene Zitierweise:
Ernst Deecke: Lübische Geschichten und Sagen. Carl Boldemann, Lübeck 1852, Seite 15. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Luebische_Geschichten_und_Sagen.djvu/21&oldid=- (Version vom 1.8.2018)