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18. Die Maus.

Im Jahr 1200 stand ein großer Rosenbaum an der Marienkirche[1], nach der Mengstraße zu, der seine Zweige bis auf das Dach hinaufgetrieben. Nun war damals viel Streits zwischen den umwohnenden Fürsten und Herren, welche der Stadt Lübeck ihre herrliche Freiheit mißgönnten, und waren in der Stadt selbst viele Bürger, sonderlich unter den Schonenfahrern, die, der ewigen Plackereien der Dänen müde, geneigt waren, sich dem König zu eigen zu geben, um nur ihren Handel zu behalten. Aber Ein Rath wollte nicht einwilligen. Da zogen die benachbarten Fürsten alle gegen die Stadt und bedrängten sie; aber es ging die Sage, sie werde so lange frei bleiben, als der Rosenbaum an der Marienkirche grüne und blühe.

Die Bürger waren also guten Muths und stritten tapfer gegen die Neidischen. Aber da war eines Morgens der Rosenbaum welk und abgestorben, nachdem er noch am Abend zuvor geblüht. Und als man zusah, hatte eine Maus ein Nest an seine Wurzel gelegt, und ihre Jungen hatten die durchgebissen und den Baum wankend gemacht.

Bald darauf mußte sich Lübeck den Dänen ergeben.

Als die Stadt aber wieder kaiserfrei ward, ließ Ein Rath den Rosenbaum sammt der Maus in der Marienkirche hinter dem Chor in Stein hauen, zum Wahrzeichen, daß aus kleinen Uebeln ein großes Unglück über Nacht entsteht.

Anmerkungen (Wikisource)

Empfohlene Zitierweise:
Ernst Deecke: Lübische Geschichten und Sagen. Carl Boldemann, Lübeck 1852, Seite 26. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Luebische_Geschichten_und_Sagen.djvu/32&oldid=- (Version vom 1.8.2018)