Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunter Band | |
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Altäre sind meist von Jaspis; von demselben kostbaren Gestein sind auch die meisten Säulen. Die Hauptgebäude haben platte Dächer von Kupfer, und ehemals prangten auf denselben Orangerien und duftende Blumensträuche, unter deren Schatten die Mönche bei dem nie rastenden Glockenspiele der Thürme und bei vollen Humpen der frischen Luft der Sierra genossen, oder der Ruhe pflegten; einer Ruhe, von allen Erdensorgen unbelästigt. Die Mönche speisten in Mafra auf massivem Silber. Sie hatten jährlich nahe an anderthalb Millionen Gulden Einkünfte zu verzehren, eine schwere Aufgabe, zumal in einem so wohlfeilen Lande, wo Dinge, die sonst als kostbare Leckereien gelten, für geringes Geld käuflich sind. Diese Schlaraffenherrlichkeit ist nun vorüber. Die Klostergüter sind eingezogen, das Inventar ist verkauft; der Staat, oder vielmehr die Harpyen, welche Portugal aussaugen, die Geldkönige in Israel und ihre christlichen Genossen, waren der geplünderten Kirche lachende Erben. Die Ordensgeistlichen leben jetzt von einer schmalen Pension in dem kleinen Städtchen, daß die guten Tage des Krummstabs nicht vergessen kann. Das Kloster aber selbst steht leer. Die Stadt Mafra ist durch dasselbe entstanden, hat mit ihm geblüht, leidet und welkt mit ihm, wie der Epheu, der sich um dem Baumstamm rankt. Was Wunder, daß man in der Gegend nur Bemerkungen des Zorns und des Schmerzes über die Veränderung der Dinge hört, über die leeren Stätten, über die leeren Seckel der heiligen Väter, deren Opulenz und Genußgier früher eine Quelle des Verdienstes und Erwerbs für Viele waren, und von deren Tafel täglich die Brosamen fielen, welche die Armuth sättigten. Ein dummes, verdummtes Volk hat nur Sinn für den Vortheil oder Genuß des Augenblicks. Staatseinrichtungen, die ihm solche nehmen, thun ihm wehe und es haßt sie, wären sie auch die weisesten. Den Segen, der in ihrem Gefolge zieht, sieht es nicht: denn Alles, was jenseits der Gegenwart liegt, ist seinem blöden Blicke verborgen. Daher hat die Fürstenregel Machiavell’s immer Stich gehalten:
Ziehe es aus! – doch, klug, schenk’ ihm das Hemdchen zurück.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1842, Seite 206. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_9._Band_1842.djvu/214&oldid=- (Version vom 4.1.2025)