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Liste.png Philon: Über das Zusammenleben um der Allgemeinbildung wegen (De congressu eruditionis gratia) übersetzt von Hans Lewy

Wissenschaft vor der Tugend.[1] Denn diese bildet den Weg, der zu jener führt.[2]

11 Man muß wissen, daß zu großen Gegenständen auch die Einleitungen[3] groß zu sein pflegen. Der größte Gegenstand aber ist die Tugend; denn sie beschäftigt sich mit dem größten Stoff, dem gesamten Leben des Menschen. Mit Recht also mag sie sich nicht kurzer Einführung[4] bedienen, sondern verwendet dafür die Grammatik, Geometrie, Astronomie, Rhetorik, Musik und [521 M.] alle übrigen Zweige der geistigen Erkenntnis, deren Sinnbild, wie wir zeigen werden, Hagar, die Dienerin der Sara, ist. 12 Denn es heißt: „Es sprach Sara zu Abraham: Siehe, Gott hat mich verschlossen, daß ich nicht gebären kann. Gehe zu meiner Sklavin, auf daß du von ihr Kinder zeugst“ (1 Mos. 16, 1). Fleischliche Vermischung und Geschlechtsverkehr, deren Ziel die Sinnenlust ist, haben aus der gegenwärtigen Betrachtung auszuscheiden. Denn das hier gemeinte Zusammenleben ist das der Tugend mit dem Verstand, der Kinder von jener zu zeugen versucht, und wenn er es nicht sofort vermag, angewiesen wird, sich dann wenigstens ihrer Sklavin, der allgemeinen Bildung, anzuverloben.[5] [4] 13 Hier muß

Empfohlene Zitierweise:
Philon: Über das Zusammenleben um der Allgemeinbildung wegen (De congressu eruditionis gratia) übersetzt von Hans Lewy. H. & M. Marcus, Breslau 1938, Seite 05. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhiloCongrGermanLewy.djvu/007&oldid=- (Version vom 20.11.2016)
  1. Fast wörtlich übereinstimmend mit: Über die Trunkenheit § 49 und: Über die Flucht § 183.
  2. Die sog. enkyklische Bildung (ἐγκύκλιος παιδεία), die die sieben Fächer: Grammatik, Geometrie, Astronomie, Rhetorik, Musik, Dialektik und Arithmetik umfaßte (die artes liberales der Römer), galt nach mittelstoischer Ansicht, der Philon folgt, als notwendige Vorschule (προπαίδευμα) der Philosophie. Vgl. Über die Geburt Abels § 38 Anm. 2 und: Über die Trunkenheit § 49 Anm. 5.
    Die Deutung des Dienstverhältnisses der Hagar zur Sarah auf die Beziehung der ἐγκύκλιος παιδεία zur Philosophie erinnert an ein im Altertum verbreitetes Wort des Stoikers Ariston von Chios, wonach diejenigen, welche sich mit den enkyklischen Wissenschaften beschäftigen und dabei die Philosophie vernachlässigen, den Freiern der Penelope gleichen, die mit deren Mägden umgingen, da sie die Herrin selbst nicht gewinnen konnten (s. Arnim, StVF. I 350). Vgl. Über die Trunkenheit § 49 Anm. 7.
  3. Προοίμιον, eigentlich Einleitung eines Musikstücke oder Vorwort einer Rede, wird ganz allgemein vom Vorstadium eines Zustands gebraucht. I. H.
  4. Die Vorschule der Tugend, ist die Propädeutik durch die ἐγκύκλιος παιδεία, s. die vorige Anm.
  5. Dieser Satz enthält die prägnanteste Erklärung des Titels unserer Schrift: Über das Zusammenleben um der allgemeinen Bildung willen. Vgl. auch § 63.