Seite:PhiloCongrGermanLewy.djvu/041

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Philon: Über das Zusammenleben um der Allgemeinbildung willen (De congressu eruditionis gratia) übersetzt von Hans Lewy

Wissenschaft, ebensowenig wie die Obengenannten (d. h. die Kunstfertigen) in den Lehren der praktischen Fertigkeiten von mittlerem Werte. 143 Denn wie die Augen sehen, die Vernunft aber vermittels der Augen schärfer blickt, die Ohren hören, die Vernunft aber mit den Ohren besser hört, die Nase riecht, die Seele aber mit der Nase besser riecht, und die anderen Sinneswerkzeuge die ihnen zukommenden Gegenstände wahrnehmen, diese aber reiner und klarer durch die Vernunft wahrgenommen werden – denn genau genommen ist sie das Auge der Augen, das Ohr der Ohren und das reine Sinnesorgan jedes Sinnes, da sie diese nur gleichsam als Gerichtsdiener[1] benutzt, die Natur der Gegenstände aber selber beurteilt, um sich für die einen zu entscheiden und die anderen zu verwerfen –, so gelangen die sogenannten Fertigkeiten mittleren Ranges, die den Fähigkeiten des Körpers gleichen, vermittels einfacher Beobachtungen zu ihren Erkenntnissen, während die Wissenschaften diese schärfer und mit äußerster Exaktheit erfassen. 144 Denn wie die Vernunft zur Sinneswahrnehmung, so verhält sich die Wissenschaft zur praktischen Fertigkeit. Ebenso wie nämlich die Seele, wie oben gesagt wurde,[2] der Sinn der Sinne ist, <so ist die Wissenschaft die Fertigkeit der Fertigkeiten>.[3] Jede dieser (praktischen Fertigkeiten) nimmt sich einen bestimmten kleinen Ausschnitt aus der Natur vor, um den sie sich bemüht und mit dem sie sich beschäftigt: so die Geometrie die Linien, die Musik die Töne. Die Philosophie aber befaßt sich mit der gesamten Natur des Seienden; denn ihr Forschungsgegenstand ist diese Welt und die ganze sichtbare und unsichtbare Substanz des Seienden. 145 Was Wunder also, wenn sie, die das Ganze überschaut, auch die Teile sieht, und zwar besser als jene, da sie mit besseren und schärfer blickenden Augen versehen ist? Mit Recht wird darum die Herrin Philosophie die Schwangerschaft ihrer Dienerin, der allgemeinen Bildung, eher entdecken als diese selbst.

[26] 146 Und auch das weiß jedermann, daß es die Philosophie war, die allen Teilwissenschaften Anfang und Samen schenkte, aus dem dann offensichtlich deren Erkenntnisse erwuchsen. Denn gleichschenklige und ungleichseitige Dreiecke, Kreise, Vielecke und andere Figuren sind spätere Erfindungen der Geometrie, dagegen nicht die

Empfohlene Zitierweise:
Philon: Über das Zusammenleben um der Allgemeinbildung willen (De congressu eruditionis gratia) übersetzt von Hans Lewy. H. & M. Marcus, Breslau 1938, Seite 41. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhiloCongrGermanLewy.djvu/041&oldid=- (Version vom 10.12.2016)
  1. Vgl. oben § 27 über den „Gerichtshof“ der fünf Sinne.
  2. S. o. § 143.
  3. Die Ergänzung der Textlücke <οὕτως τέχνη τις τεχνῶν ἡ ἐπιστήμη> stammt von Wendland. Vgl. Über die Trunkenheit § 58 Anm. 4.