Seite:PhiloMos1GermanBadt.djvu/034

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Philon: Ueber das Leben Mosis (De vita Mosis) übersetzt von Benno Badt

der Fluss die Bewölkung zuvor aufsaugt – 115 er beginnt nämlich im Anfang des Sommers zu steigen und hört erst mit dessen Ende auf, zu einer Zeit, in welcher auch die Passatwinde den Nilmündungen entgegenstürmen, und durch sie an der Mündung ins Meer verhindert, weil unter der Gewalt der Winde das Meer sich hoch emporhebt und seine Brandung gleich einer langen Mauer über eine weite Strecke ausdehnt, fliesst der Fluss in Windungen ins Binnenland, und wenn dann die Gewässer des Stromes aufeinander treffen – nämlich das obere, das von den Quellen herabkommt, und das andere, das ins Meer hinausströmen sollte, aber infolge des Hemmnisses zurückströmt – und in der Breite sich nicht ausdehnen können, (denn die hohen Ufer auf beiden Seiten pressen sie), so hebt sich naturgemäss das Wasser und schwillt an[1] –, 116 vielleicht aber auch, weil ein Winter in Aegypten sogar überflüssig wäre; denn wozu sonst die Regengüsse nützlich sind, das leistet schon der Fluss, da er die Saatfelder für die Erzeugung der alljährlichen Früchte bewässert. 117 Die Natur aber leistet nicht unnütze Arbeit, sodass sie Regen einem Lande liefern sollte, das seiner nicht bedarf, und hat andrerseits ihre Freude an [p. 99 M.] der Mannigfaltigkeit und Abwechslung ihrer kunstreichen Werke, indem sie die Harmonie des Alls aus Gegensätzen passend herstellt; und deshalb gewährt sie den einen von oben aus dem Himmel, den andern von unten aus Quellen und Flüssen den Nutzen des Wassers. 118 Bei dieser Beschaffenheit des Landes, das selbst zur Zeit der Wintersonnenwende Frühling hat, da das Küstenland nur durch einzelne schwache Tröpfchen befeuchtet wird, während der Strich oberhalb Memphis, der Königsresidenz von Aegypten, überhaupt keinen Regen kennt, nahm plötzlich die Luft eine ganz neue Natur an dergestalt, dass alles, was in Gegenden mit hartem Winter vorkommt, in Menge hereinbrach (2 Mos. 9,22 ff.): Regengüsse, dichter und schwerer Hagel[2], gewaltige gegeneinander


  1. Vgl. die ausführlichen Schilderungen und Erklärungen der Nilüberschwemmungen bei Diodor I 38 ff. und Seneca Quaest. nat. IVa, 1.2 (Diels, Doxogr. gr. 226 ff.).
  2. Die Reihenfolge der Plagen weicht – der oben § 97 erwähnten Verteilung entsprechend – von der in der Bibel gegebenen ab. Hält sich [249] Philo vielleicht nach dem Grundsatze talmudischer Exegeten אין מוקדם ומאוחר בתורה‎ (in der Thora wird zeitliche Folge der Ereignisse nicht eingehalten) dazu für berechtigt? Auch in den Psalmen 105,28ff. u. 78,44ff. ist bekanntlich weder die Zahl noch die Reihenfolge der im 2. B. Mos. geschilderten Plagen festgehalten.
Empfohlene Zitierweise:
Philon: Ueber das Leben Mosis (De vita Mosis) übersetzt von Benno Badt. H. & M. Marcus, Breslau 1909, Seite 248. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhiloMos1GermanBadt.djvu/034&oldid=3378751 (Version vom 1.8.2018)