Seite:Philosophie der symbolischen Formen erster Teil.djvu/301

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Pronomina eine einfache Nebenordnung von Bestimmungen treten[1]. Was das Ural-Altaische betrifft, so betont H. Winkler, daß es gemäß seinem Grundcharakter, der selbständige Nebeneinheiten nicht duldet, in all seinen Zweigen relativartige satzbindende Konjunktionen ursprünglich überhaupt nicht oder nur in schwachen Ansätzen kenne – wo später solche Konjunktionen gebraucht würden, da gingen sie regelmäßig, wenn nicht immer, auf reine Interrogativa zurück. Insbesondere die westliche Gruppe des Ural-Altaischen, die Gruppe der finnisch-ugrischen Sprachen, ist zu dieser Entwicklung der relativen Pronomina aus dem Interrogativum fortgeschritten, bei der jedoch vielfach indogermanische Einflüsse als mitwirkend angesehen werden[2]. In anderen Sprachen wieder werden zwar durch besondere Partikel selbständige Relativsätze gebildet, dabei werden sie aber so gänzlich als substantivische Nomina empfunden, daß ihnen der bestimmte Artikel vorangestellt wird, oder daß sie als Subjekt oder Objekt eines Satzes, als Genitiv, nach einer Präposition u. s. f. gebraucht werden können[3]. In all diesen Erscheinungen scheint deutlich hervorzutreten, wie die Sprache die reine Kategorie der Relation gleichsam nur zögernd ergreift und wie sie ihr nur auf dem Umweg über andere Kategorien, insbesondere über die der Substanz und der Eigenschaft[4], gedanklich faßbar wird. Und dies gilt selbst für diejenigen Sprachen, die in ihrer Gesamtstruktur den eigentlichen „Stil“ der Rede, die Kunst der hypotaktischen Gliederung schließlich bis zur höchsten Feinheit durchgebildet haben. Auch die indogermanischen Sprachen, von denen man gesagt hat, daß sie, dank ihrer erstaunlichen Fähigkeit zur Differenzierung des Beziehungsausdrucks, die eigentlichen Sprachen des philosophischen Idealismus seien, haben diese Fähigkeit nur allmählich und schrittweise erlangt[5]. Auch in ihnen zeigt z. B. ein Vergleich zwischen


  1. [1] Beispiele bes. bei H. C. v. d. Gabelentz, Die melanes. Sprachen I, 202 f., 232 f., II, 28; Codrington, Melanes. languages, S. 136.
  2. [2] S. Winkler, Der Uralaltaische Sprachstamm, S. 86 ff., 98 f., 110 ff.; vgl. auch Simonyi, Die ungar. Sprache, S. 257, 423.
  3. [3] Vgl. Steindorff, Koptische Grammatik, S. 227 ff; – auch in den semitischen Sprachen ist die „Substantivierung asyndetischer Relativsätze“ häufig, s. hierüber Brockelmann, Grundriß II, 561 ff.
  4. [4] So besitzt z. B. das Japanische (nach Hoffmann, Japan. Sprachlehre, S. 99) keine Relativsätze, sondern muß sie in adjektivische Sätze verwandeln; ähnliches gilt für das Mongolische, vgl. J. J. Schmidt, Grammat. der mongol. Sprache, S. 47 f., 127 f.
  5. [5] „Les langues de cette famille semblent créées pour l’abstraction et la metaphisique. Elles ont une souplesse merveilleusse pour exprimer les relations les plus intimes des choses par les flexions de leurs noms, par les temps et les modes si variés de leurs [286] verbes, par leurs mots composés, par la délicatesse de leurs particules. Possédant seules l’admirable secret de la période elles savent relier dans un tout les membres divers de la phrase … Tout devient pour elles abstraction et catégorie. Elles sont les langues de l’idéalisme.“ Renan, De l’origine du langage 8, S. 194.
Empfohlene Zitierweise:
Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen, erster Teil. Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1923, Seite 285. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Philosophie_der_symbolischen_Formen_erster_Teil.djvu/301&oldid=- (Version vom 31.5.2020)