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greifen die großen Stilkünstler der Renaissance die Syllogistik und ihre „barbarischen“ Formen nicht sowohl von der logischen, als von der ästhetischen Seite an. Aber allmählich nimmt auch dieser Kampf der Rhetoren und Stilisten gegen die bloßen „Dialektiker“, wie er z. B. in Vallas „dialektischen Disputationen“ geführt wird, eine andere Form an; denn je weiter die Renaissance zu den eigentlichen klassischen Quellen zurückdringt, um so mehr wird ihr, statt der scholastischen Auffassung der Dialektik, wieder ihr ursprünglicher Platonischer Begriff lebendig. Im Namen dieses Begriffs wird jetzt der Rückgang von den Worten zu den „Sachen“ gefordert – unter den Sachwissenschaften aber steht gemäß der Grundansicht der Renaissance, die sich allmählich immer entschiedener durchsetzt, die Mathematik und die mathematische Naturtheorie an erster Stelle. Damit tritt, auch innerhalb der reinen Sprachphilosophie, der Orientierung an der Grammatik immer bewußter und entschiedener die Forderung einer anderen Orientierung gegenüber:[1] die echt systematische Auffassung und Gestaltung der Sprache scheint nur erreicht werden zu können, wenn sie sich auf die Systematik der Mathematik bezieht und von ihr den Maßstab entlehnt.

In der Lehre Descartes’, die dem neuen Wissensideal der Renaissance die universelle philosophische Begründung gibt, rückt daher auch die Theorie der Sprache in ein neues Licht. Descartes selbst hat in seinen systematischen Hauptschriften die Sprache nicht zum Gegenstand selbständiger philosophischer Reflexionen gemacht – aber in der einzigen Stelle eines Briefes an Mersenne, in der er das Problem berührt, gibt er ihm sogleich eine sehr charakteristische und für die Folgezeit höchst bedeutsame Wendung. Das Ideal der Einheit des Wissens, der „sapientia humana“, die stets ein und dieselbe bleibt, auf wie viele verschiedene Gegenstände sie sich auch erstrecken mag, wird jetzt auch auf die Sprache übertragen. Der Forderung der „Mathesis universalis“ tritt die Forderung einer „Lingua universalis“ zur Seite. Wie in allen Erkenntnissen, die auf diesen Namen wirklich Anspruch haben, immer nur die Eine identische Grundform der Erkenntnis, der menschlichen Vernunft, wiederkehrt, so muß auch allem Sprechen die eine, allgemeine Vernunftform der Sprache überhaupt zugrunde liegen, die von der Fülle und Verschiedenheit der Wortformen zwar verhüllt wird, aber durch sie nicht völlig unkenntlich gemacht werden kann. Denn wie zwischen den Ideen der Mathematik, z. B. zwischen den Zahlen, eine ganz bestimmte Ordnung besteht, so bildet


  1. [1] Die geschichtlichen Belege hierfür s. in meiner Schrift über das Erkenntnisproblem, 3. Aufl., I, 120–135.
Empfohlene Zitierweise:
Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen, erster Teil. Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1923, Seite 67. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Philosophie_der_symbolischen_Formen_erster_Teil.djvu/83&oldid=- (Version vom 22.11.2021)