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überhaupt das Ganze des menschlichen Bewußtseins samt allen Inhalten, die in dasselbe jemals eingehen können, einen streng geordneten Inbegriff. Wie daher aus relativ wenigen Zahlzeichen das ganze System der Arithmetik sich aufbauen läßt, so müßte sich auch durch eine begrenzte Zahl sprachlicher Zeichen, wenn diese nur nach bestimmten allgemeingültigen Regeln verknüpft werden, die Gesamtheit der Denkinhalte und ihre Struktur erschöpfend bezeichnen lassen. Von der Ausführung dieses Planes nimmt freilich Descartes Abstand: denn da die Schöpfung der Universalsprache die Analyse aller Bewußtseinsinhalte in ihre letzten Elemente, in die einfachen konstitutiven „Ideen“ voraussetzen würde, so kann sie mit Erfolg erst dann unternommen werden, wenn diese Analyse selbst an ihr Ende gelangt und damit das Ziel der „wahren Philosophie“ erreicht ist[1]. Von der kritischen Vorsicht, die sich in diesen Worten des Begründers der neueren Philosophie ausspricht, läßt sich indes die unmittelbar folgende Epoche wenig beirren. In rascher Folge treten jetzt die mannigfachsten Systeme künstlicher Universalsprachen hervor, die, in der Ausführung höchst verschieden, doch in ihrem Grundgedanken und im Prinzip ihres Aufbaus nahe miteinander übereinstimmen. Immer wird davon ausgegangen, daß es eine begrenzte Zahl von Begriffen gibt, daß jeder von ihnen zu den anderen in einem ganz bestimmten sachlichen Verhältnis, in einer Beziehung der Zuordnung, der Über- oder Unterordnung stehe, und daß das Ziel einer wahrhaft vollkommenen Sprache darin bestehen müsse, diese natürliche Hierarchie der Begriffe in einem System von Zeichen zum adäquaten Ausdruck zu bringen. Von dieser Voraussetzung aus ordnet z. B. Delgarno in seiner „Ars Signorum“ alle Begriffe unter 17 höchste Gattungsbegriffe, deren jeder durch einen bestimmten Buchstaben bezeichnet wird, welcher als Anfangsbuchstabe für jedes unter die betreffende Kategorie fallende Wort dient: und ebenso werden die Unterklassen, die innerhalb der gemeinsamen Gattung unterschieden werden können, je durch einen besonderen Buchstaben oder Laut, der an den Anfangsbuchstaben herantritt, dargestellt. Wilkins, der dieses System zu ergänzen und zu vervollkommnen sucht, stellt statt der ursprünglichen 17 Hauptbegriffe deren 40 auf, die lautlich durch je eine besondere, aus einem Konsonanten und einem Vokal bestehende Silbe ausgedrückt werden[2]. Über die Schwierigkeit, die „natürliche“ Ordnung der Grundbegriffe


  1. [1] S. Descartes’ Brief an Mersenne vom 20. November 1629[WS 1]; Correspond. (ed. Adam-Tannery), I, 80 ff.
  2. [2] Bezeichnet etwa der Buchstabe P die allgemeine Kategorie der „Quantität“, so werden die Begriffe der Größe überhaupt, des Raumes und des Maßes durch Pe, Pi, Po ausgedrückt [69] u. s. f. Vgl. George Delgarno, Ars Signorum vulgo Character universalis et lingua philosophica, London 1661, und Wilkins, An Essay towards a Real character and a Philosophical Language. London 1668. Einen kurzen Abriß der Systeme von Delgarno und Wilkins hat Couturat, La Logique de Leibniz, Paris 1901, Note III u. IV, S. 544 ff., gegeben.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: 1829
Empfohlene Zitierweise:
Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen, erster Teil. Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1923, Seite 68. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Philosophie_der_symbolischen_Formen_erster_Teil.djvu/84&oldid=- (Version vom 18.5.2020)