Seite:Proehle Rheinlands Sagen und Geschichten.djvu/133

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Abends nach der Arbeit in das Zimmer seines Sohnes Wilhelm, welcher sich unter seiner Leitung zum Maler ausbildete und einen Moses zeichnete. Er wollte seinen Sohn in der Arbeit nicht stören. Dieser aber wollte den Abend in der Singakademie zubringen. Aus diesem Grunde verzichtete Gerhard von Kügelgen für diesmal auf die Begleitung seines Sohnes und ging allein nach Loschwitz, um nach seinem Weinberge zu sehen. In der Singakademie übte Wilhelm von Kügelgen als Dilettant „die sieben Worte“ von Haydn mit ein.

Aufs tiefste wurde er aber diesmal von der Stelle ergriffen:

„Wenn wir mit dem Tode ringen
Und aus dem bedrängten Herzen
Heiße Seufzer zu Dir dringen:
Hilf uns, Mutter aller Schmerzen!“

Wilhelm von Kügelgen stellte sich den geliebten Vater, welcher nicht lange vorher katholisch geworden war, bei diesen Worten als mit dem Tode ringend vor. Er eilte in ein Nebenzimmer und brach dort, wie ein Freund bezeugte, in Thränen aus. Es war ihm, als hörte er aus dem Munde seines Vaters die Worte: „Hilf uns, Mutter aller Schmerzen!“

Als er am Abend in Dresden nach Hause kam, hätte er den Vater dort schon wieder vorfinden müssen. Der war indessen nicht anwesend. Wilhelm von Kügelgen lief nun sogleich durch die helle Mondennacht nach dem Weinberg bei Loschwitz. Hier schlief der Winzer bereits. Er sagte, daß Gerhard von Kügelgen zwar dagewesen sei, aber schon vor sieben Uhr den Rückweg angetreten habe.

Wilhelm von Kügelgen untersuchte nun, ob sein Vater vielleicht wegen Unwohlseins irgendwo eingekehrt sei. Aber weder im Linke’schen Bade noch sonst wo konnte man über ihn Auskunft geben. Er konnte nun nur noch in der Stadt einen Besuch gemacht haben. Aber auch jetzt fand ihn der Sohn noch nicht zu Hause.

Am andern Morgen wurde der Weg nach Loschwitz mit Hunden abgesucht. Auf halbem Wege nach dem Waldschlößchen stand plötzlich einer der Hunde. Da lag Gerhard von Kügelgen mit dem Gesicht in einer Ackerfurche, erschlagen und entkleidet.

Der Mörder war der Artillerist Kalthofen. Dieser stammte aus einer

Empfohlene Zitierweise:
Heinrich Pröhle: Rheinlands schönste Sagen und Geschichten. Tonger & Greven, Berlin 1886, Seite 122. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Proehle_Rheinlands_Sagen_und_Geschichten.djvu/133&oldid=3380824 (Version vom 1.8.2018)