Seite:Proehle Rheinlands Sagen und Geschichten.djvu/202

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so edlen und hohen Frauenbildes über die blutige heidnische Religion weit erhaben sein müsse. Jeder von den beiden Jünglingen wäre daher wohl bereit gewesen, um dieser Jungfrau willen das Christentum anzunehmen.

Doch die mildere Gesinnung wich aus den Herzen der beiden Männer, als sie sich immer deutlicher beide als Nebenbuhler erkannten. Je mehr ein jeder wünschte, die Christin zu besitzen, um so mehr regte sich in ihnen auch der Stolz auf die eingebildeten Vorzüge, durch welche jeder glaubte, dem Nebenbuhler voranstehen zu müssen. Ihre Gesinnung, welche kaum angefangen hatte sich zu veredeln, wurde wieder eine ganz heidnische, und der Gedanke, der Christin die doch immerhin nur beschränkte Wahl zwischen zwei Bewerbern zu gestatten, konnte nicht aufkommen, weil sie in ihr immer wieder die Gefangene, eine Sklavin, sahen.

Ein unglücklicher Zufall wollte es, daß die Jünglinge, in denen die Bewohner der Gegend schon längst die Zierde und die Hoffnung des Stammes erblickt hatten, nun auch fast zu gleicher Zeit ihre Väter verloren und dadurch plötzlich eine bei beiden fast gleiche Macht unter dem Volke erhielten. Mit grenzenloser Unbesonnenheit traten sie einander sogleich feindselig entgegen, indem jeder die Ansprüche, die er an die Hand der Christin machte, mit Drohungen und Ankündigung von Gewaltmaßregeln verstärkte.

Da traten die Ältesten der Landschaft mit den Druiden zusammen und berieten, was zu thun sei.

Die hergelaufenen Druiden verlangten sogleich, daß die Christin, welche die Herzen der heidnischen Anführer verzaubert habe, dem Drachen vorgeworfen werden müsse. Die Ältesten aus dem Volke stimmten ihnen bei, weil nur hierdurch noch der Zwist der beiden viel gerühmten jungen Anführer im Keime erstickt werden konnte.

Es legte also die Christin ein weißes Gewand an, und das herabfallende Haar dieses Opfers schmückten die Heiden mit Blumen.

So führte man die Jungfrau den Berg hinan. In der Nähe der Drachenhöhle band man sie an einen Baum. Neben demselben lag ein großer Stein, der als Altar diente.

In einiger Entfernung hatte sich viel Volk aufgestellt, um zu sehen, wie das Ungeheuer aus seiner Höhle kommen und sich auf seinen Raub

Empfohlene Zitierweise:
Heinrich Pröhle: Rheinlands schönste Sagen und Geschichten. Tonger & Greven, Berlin 1886, Seite 190. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Proehle_Rheinlands_Sagen_und_Geschichten.djvu/202&oldid=- (Version vom 1.8.2018)