Seite:Ramdohr-Venus Urania-Band 1.djvu/10

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meine Feinde! – Ich liebe meinen Herrn, der hoch über mir steht, und liebe meinen Untergebenen, und liebe die mir gleich sind, Freunde, Gatten! – Ich liebe eine Undankbare, zu meiner Marter lieb’ ich sie; und ach! der Wonne, der unaussprechlichen Seligkeit! Ich liebe die mich liebt, das Du meines Ich’s, das Ich meines Du’s! – Welche Unbestimmtheit in den Begriffen, welche ganz verschiedene Verhältnisse und Empfindungen unter einem Nahmen!

O Liebe! alle Menschen ahnden deine Nähe, und huldigen deiner Macht! Aber von jeher hat es nur wenige gegeben, die dein Wesen begriffen haben! Bald wirst du mit jeder Art der Lust und des Verlangens verwechselt: bald mit jedem Bande der Anhänglichkeit: bald mit jedem leidenschaftlichen Streben nach Besitz und Genuß! Wie hat man, um dich zu erkennen, immer mehr auf die äußern Wirkungen gesehen, die du hervorbringst, als auf den Gehalt der innern Gesinnung, die allein dein Daseyn begründet! Wie hat man jeden Akt von Wohlwollen, von Wohlthätigkeit, von Aufopferung so freygebig auf deine Rechnung gesetzt, unbekümmert darum, ob Begeisterung für Vollkommenheit und Schönheit, kluge Besorgung des eigenen Vortheils, Achtung für Pflicht und Selbstwürde, Aneignung des fremden Zustandes, und so manches andere bloß eigennützige oder beschauende Gefühl, nicht den näheren Anspruch auf jene Aeußerungen hatten! Ja! Ja! Hat man nicht sogar die Wirksamkeit körperlicher Triebe, deren vollständige Befriedigung den Mitgenuß Anderer als nothwendig voraussetzt, mit dir, o Liebe! verwechseln mögen?