Venus Urania. Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredelung und Verschönerung/Erster Theil

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Autor: Basilius von Ramdohr
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Titel: Venus Urania. Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredelung und Verschönerung. Erster Theil
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Erscheinungsdatum: 1798
Verlag: Georg Joachim Göschen
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Erscheinungsort: Leipzig
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[1]
Venus Urania.

Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredlung und Verschönerung.

Erster Theil.


Von
Fried. Wilh. Basil. von Ramdohr.

Leipzig,
bey Georg Joachim Göschen. 1798.
[3]
Vorbericht und Zueignung.

Ich wünschte Einiges zu sagen über die Natur der Liebe, besonders zum Geschlecht, und über die Art, wie sie ausgebildet werden könne, ohne ihrem Wesen zu nahe zu treten. Ich wünschte zugleich Gehör zu finden für einige Bemerkungen über die Begriffe, die man in verschiedenen Zeitaltern von der Liebe gehabt hat, und über die Bemühungen, sie zu veredeln und zu verschönern.

Die Veranlassung zu diesem Werke habe ich in der Unbestimmtheit der Urtheile über die Liebe und über die geselligen Verhältnisse, die ihr zugeschrieben werden, gefunden: die Berechtigung es zu schreiben, in meinem Herzen und in meinen Erfahrungen.

[4] Das allgemeinste, das wirksamste aller Gefühle gibt den Stoff zu meinem Buche her: er muß die Aufmerksamkeit des Publikums an sich ziehen. Aber bey der Behandlung ist auf das Interesse seines größeren Haufens nicht gerechnet.

Ich habe nicht für eine vorübergehende Unterhaltung geschrieben. Ich habe nicht das Herz durch dunkle Rührungen reitzen, oder die Einbildungskraft durch Bilder des Außerordentlichen entflammen wollen. Ich habe gesucht, Ideen und Ausdrücke, die in der Philosophie des gemeinen Lebens im Umlaufe sind, näher zu bestimmen; den Genuß des geselligen Lebens durch Aussichten auf Veredlung und Verschönerung der Liebe zu erhöhen, aber ihn zugleich durch weise Beschränkung unserer Ansprüche auf dasjenige, was unsere wirklichen Verhältnisse zulassen, dauernder zu erhalten.

Dieses ernsteren Charakters meines Werks ungeachtet werde ich zuweilen mit Wärme reden. Wer [5] redet immer kalt von Liebe? – Daß Schwärmerey von meinem Herzen fern bleibe!

Ein bescheidener, gesenkter Blick auf die Dürre meiner Untersuchungen wird mich zuweilen nach einem schmückenden Gewande greifen lassen; – daß seine Falten nicht die Formen verstecken, die es nur bekleiden soll!

Eine gründliche Erörterung nicht ohne Reitz der Einkleidung zu liefern, ist die Aufgabe, die ich mir bey Ausarbeitung dieser Schrift vor Augen gestellt habe. Ich habe dabey auf die Beurtheilung einer Classe von Lesern gerechnet, die ihren Geschmack so wie ihr Herz gebildet, und ihren Geist zum Nachdenken über moralische Verhältnisse gewöhnt hat.

Sollte dieß engere Publikum mir seinen Beyfall versagen; – O Venus Urania! so laß mir den Trost, daß die Wenigen, die mein Herz ganz kennen, die vollendete Lesung dieses Buchs mit einem [6] innigern Drucke meiner Hand und mit dem Ausrufe krönen: Du sprichst, wie du fühlst!

Und Euch, ihr Wenigen! Euch gebe ich wieder, was Ihr mir gabt! Euch besonders sey dieses Werk geweihet!



[7]
Erster Theil.

Naturkunde der Liebe.







[335]
Kurze Uebersicht
des Inhalts des ersten Theils.

Dieser Theil ist der Naturkunde der Liebe gewidmet.

Die Liebe wird bald für eine einzelne Aufwallung, bald für eine dauernde Anhänglichkeit, bald für Leidenschaft genommen.

In so fern wir mit dem Worte „Liebe“ eine einzelne Aufwallung bezeichnen, sehen wir bey dem Begriffe, den wir damit verbinden, entweder bloß auf die Willigkeit, mit der wir uns einem gewissen Zustande überlassen und entgegenbieten, oder zugleich auf die Art, wie wir uns während dieses Zustandes äußern Gegenständen, besonders vernünftigen Wesen, annähern, und für ihr Wohlbestehen Sorge tragen.

In der ersten Rücksicht heißt Liebe so viel als: jeder Zustand affektvoller Lust; gleichviel, woran und wozu? Sogar die Lust am baren Harren; die Lust am mindern Uebel bey der Wahl unter mehreren unangenehmen Zuständen wird mit diesem Nahmen belegt. Vergleichen wir aber mehrere Gefühle von Lust unter einander, so heißt allemahl der Zustand der höchsten Lust, derjenige, dem wir uns am willigsten überlassen und entgegenbieten, vorzüglich Liebe. Daher ist Liebe – Lust am gegenwärtigen Genusse; und zwar nicht des bloßen Genügens, der bloßen Zufriedenheit mit dem Ruhestande des Lebens; – Nein, Lust an der Ausgelassenheit des Lebens; Wollust und Wonne. – Vor allem aber [336] Wollust und Wonne an fortschreitender Ausbildung des gegenwärtigen Genusses.

Nehmen wir aber zweytens, bey der Bezeichnung dieser angenehmen Zustände unsers Wesens zugleich auf das Verhältniß Rücksicht, in welches wir dadurch zu andern Wesen zu stehen kommen; so erhält der Begriff eine bestimmtere Bedeutung. Liebe heißt dann: wonnevolles Bestreben nach Ausbildung des Genusses eines gemeinschaftlichen Daseyns und Wohls mit einem uns angenäherten, aber von uns noch verschiedenen Gegenstande. Kürzer: Wonne der Sympathie.

Bey der Vergleichung mehrerer Wonnegefühle der Sympathie unter einander ist dasjenige das reinste, unverdächtigste und höchste, welches uns der Mensch einflößt. Wonne der Sympathie mit dem Menschen heißt daher vorzüglich Liebe. Dieß Gefühl setzt zum Voraus, daß wir die Selbstständigkeit und das Wohl des andern unmittelbar als den Grund unserer Wonne ansehen, und zugleich durch das begünstigte Bestreben sein Glück zu befördern, aufmerksam darauf werden, daß wir den Genuß eines gemeinschaftlichen Daseyns und Wohls fortschreitend ausbilden. Liebe, in der engsten Bedeutung, (als einzelne Aufwallung betrachtet,) ist daher wonnevolles Bestreben nach Beförderung des Glücks eines andern Menschen um der Ueberzeugung willen, daß dieser sich selbst glücklich fühle.

Herz ist alle Mahl die Fähigkeit, Liebe zu empfinden.

Der Liebe steht Gleichgültigkeit und schwache Willensregung entgegen, in so fern wir bloß auf die Stärke einer gewissen Reitzung überhaupt, es sey zur Lust oder Unlust, Rücksicht nehmen. Verstehen wir unter Liebe eine stärkere Reitzung zur Lust; so setzt sich ihr Abneigung und [337] Scheu vor einem gewissen Zustande entgegen. Bedeutet Liebe so viel als Wollust und Wonne; so ist ihr bares Harren, Genügen des fortwährenden Bedürfnisses, bloße Zufriedenheit mit dem Ruhestande des Lebens entgegenzustellen. Endlich steht ihr, in so fern Wollust und Wonne an fortschreitender Ausbildung des gegenwärtigen Genusses darunter verstanden wird, der Zustand des bestrebungslosen Vergnügens und der endenden Begierde entgegen.

Der Liebe, für Lust zur Annäherung an äußere Gegenstände und Sorge für ihre Erhaltung genommen, ist Ungeselligkeit und Uebelwollen zuwider. Für sympathetische Lust genommen steht ihr der Widerwille der Antipathie entgegen. Dem wonnevollen Bestreben nach der Beförderung des Glücks eines andern Menschen, um der Ueberzeugung willen, daß er sich selbst glücklich fühle: der Liebe im engsten Sinne, steht das bloße Genügen des gestillten oder auch begünstigten Mitleidens entgegen.

Nicht so wohl der Liebe unbedingt entgegengesetzt, als vielmehr nur von ihr verschieden, erscheint die Wonne der Selbstheit und des Beschauungshanges. Wonne der Selbstheit ist diejenige Lust an der Ausgelassenheit des Lebens, die nach Ueberschlagung unsers persönlichen Vortheils bey uns entsteht, und, in so fern wir dabey auf die Art der Annäherung an andere Menschen Rücksicht nehmen, diejenige Wonne, die erst nach vorgängiger Beziehung des angenäherten Menschen auf unser persönliches Wohl, wie Mittel zum Zweck, in uns erweckt wird. – Wonne des Beschauungshanges ist diejenige Wonne, die bey völliger Ruhe unsers Bestrebungsvermögens, und ohne Beachtung unsers eigenen Zustandes, bloß durch die Bemerkung [338] des Auffallenden der Eigenthümlichkeiten eines Gegenstandes, dem wir uns von ferne nähern, in uns erweckt wird.

Die nähere Ausführung und Bestimmung dieser Begriffe liefern das erste Buch und der erste Abschnitt des sechsten.


Liebe, als Anhänglichkeit betrachtet, heißt angewöhnte Stimmung unsers Wesens, nach Beglückung einer bestimmten Person wonnevoll zu streben, um der Ueberzeugung willen, daß sich diese selbst glücklich fühle.

Liebe in diesem Sinne setzt nicht bloß liebende Affekte, sondern ein Gewebe von Affekten zum Voraus, die Wirkungen der ungleichartigsten Triebe seyn können. Alle Triebe, welche ohne Annäherung an andere Menschen und ihre Erhaltung nicht befriedigt werden können; alle Triebe, die nur um ihrer Folgen willen gesellig genannt zu werden verdienen, dürfen hier mit ins Spiel kommen. Genug, wenn sie eine angewöhnte Richtung zu einer bestimmten Person hin genommen haben, und wenn die Wonne der Sympathie mit dem Menschen, (die eigentliche Liebe,) die Oberhand behält. Daher kann sich bey der liebenden Anhänglichkeit ein gewisser Grad von Zwang mit einmischen, es kann die Selbstheit, es kann der Beschauungshang mit wirksam seyn; ja es scheint, daß beyde mitwirken müssen, wenn die Verbindung enger und dauernder seyn soll.

Es giebt aber mehrere Arten von liebender Anhänglichkeit.

Wir schließen entweder nur etwas Persönliches an die Person des andern Menschen an; oder wir vereinigen gar unsere Natur mit der seinigen.

[339] Die erste Art der Verbindung nenne ich persönliche Ergebenheit; und diese theilt sich wieder in liebendes Patronat gegen liebende Clientel, und liebende Genossenschaft oder Brüderschaft.

Liebendes Patronat gegen liebende Clientel findet Statt unter Personen, die in ihren Verhältnissen gegen einander wie Obere zu Untergebenen stehen. Liebende Genossenschaft findet Statt unter Personen, die sich unter gleichen Verhältnissen verbinden, ob sie gleich ihre Naturen nicht vereinigen.

Die Vereinigung der Naturen setzt zum Voraus, daß der Mensch angewöhnt sey, den Verbündeten so beglücken zu wollen, wie er es selbst in der Ausgelassenheit seines Lebens zu seyn wünscht, und daß er dann in einem Genusse mit ihm zusammen zu treffen strebe. Natur heißt hier die engste Sinnlichkeit. Die angewöhnte Stimmung unsers Wesens, einen andern Menschen in unsre engste Sinnlichkeit mit aufzunehmen, um sich dadurch wechselseitig zu beglücken, heißt Zärtlichkeit. Mit andern Worten: Zärtlichkeit ist das angewöhnte wonnevolle Bestreben nach beglückender Zusammensetzung zweyer Personen zu einer, durch Vereinigung der Naturen.

Herz heißt auch hier wieder die Fähigkeit, sich liebend anzuhängen.

Die Gegenfüßlerin der liebenden Anhänglichkeit ist Feindschaft: jene angewöhnte Stimmung unsers Wesens, übelwollende Affekte gegen eine bestimmte Person zu richten.

Verschieden von der liebenden Anhänglichkeit sind alle engeren Verbindungen, in denen Selbstheit oder Beschauungshang die Oberhand gewinnen.

[340] Die Ausführung und nähere Bestimmung dieser Begriffe liefern das zweyte Buch und der zweyte Abschnitt im sechsten.



Die Zärtlichkeit theilt sich in Freundschaft und Geschlechtszärtlichkeit ab. Um den Begriff von beyden zu fassen müssen die Begriffe der Sympathie mit dem Gleichartigen und der Geschlechtssympathie vorläufig entwickelt werden.

Die Anlagen oder Fähigkeiten des Menschen können so wohl dem Körper als der Seele nach auf zwey Dispositionen zurückgeführt werden, deren eine seine Stärke, die andere seine Zartheit ausmacht. Beyde Dispositionen finden sich in jedem Menschen, er mag seinen äußern Kennzeichen nach zur Classe der Mannspersonen oder zu der der Frauenspersonen gerechnet werden.

Zur Stärke des Menschen gehört sein Vermögen, hart angreifende Reitzungen für die Sensibilität seiner Sinnenorgane zu leiden, die feurigere Wallung der Lebenskraft, und die Anstrengung der Lebenswerkzeuge zu dulden: sein Gemüth erschüttert, seinen Geist emporgehoben zu fühlen. Es gehört aber auch dahin seine Kraft, sich gegen andere Gegenstände hart angreifend zu bewegen, ihnen die Wallung seiner Lebenskraft, die Anstrengung seiner Lebenswerkzeuge mitzutheilen: ihr Gemüth zu erschüttern, ihren Geist emporzuheben. Mithin hat jeder Mensch ein leidendes Vermögen und eine thätige Kraft an sich, die sich unter dem Charakter der Stärke als eine besondere Disposition seiner Anlagen überhaupt ankündigen. Der Zustand, in den er durch die Wirksamkeit dieser Stärke geräth, ist der einer leidenden oder thätigen Spannung.

[341] Zur Zartheit des Menschen gehört dagegen sein Vermögen, sanfte Reitzungen für die Sensibilität seiner äußern Sinnenorgane zu leiden: die Allmähligkeit und Auflösung der Lebenskraft und Lebenswerkzeuge zu dulden: sein Gemüth erweicht, seinen Geist in leichter Schwingung zu fühlen. Es gehört aber auch dahin die Kraft, auf andere Gegenstände sanft einzuwirken, und ihnen unsre Allmähligkeit, Auflösung, Weichheit und leichte Schwingung mitzutheilen. Folglich birgt jeder Mensch ein leidendes Vermögen und eine thätige Kraft in sich, die sich unter dem Charakter der Zartheit, als eine besondere Disposition seiner Anlagen überhaupt, ankündigen. Der Zustand, in den er durch die Wirksamkeit seiner Zartheit geräth, ist der einer leidenden oder thätigen Zärtelung.

Jeder Mensch ist, wie gesagt, mit dieser doppelten Disposition seiner Vermögen und Kräfte ausgerüstet, die, in Rücksicht auf die ganze Gattung seiner Anlagen, als zwey Geschlechter derselben anzusehen sind. In so fern aber die Menschen mit dem ganzen Inbegriff ihrer Anlagen, der sich in jedem Einzelnen von ihnen findet, unter sich, und in Rücksicht auf die ganze Gattung der Individuen betrachtet werden, findet sich bey dem einen die Disposition zur Stärke hervorstechend vor der zur Zartheit: bey dem andern aber die Zartheit im Uebergewicht über die Stärke. Dieß begründet die Eintheilung der menschlichen Gattung in zwey Geschlechter. Der Mensch, bey dem die Stärke die Zartheit überwiegt, ist Mann: der Mensch, bey dem die Zartheit über die Stärke hervorragt, ist Weib.

Wenn der Mensch, der sich stark fühlt, sich dem starken Menschen nähert, um in der Verbindung mit ihm seine Stärke zu ergänzen; – so empfindet er Sympathie mit dem gleichartigen Starken, oder mit dem ähnlichen Geschlechte [342] in andern, und sein Zustand wird der der reinen aber erhöheten Spannung.

Wenn der Mensch, der sich zart fühlt, sich dem zarten Menschen nähert, um in der Verbindung mit ihm seine Zartheit zu ergänzen; – so empfindet er Sympathie mit dem gleichartigen Zarten, oder mit dem ähnlichen Geschlechte in andern, und sein Zustand ist der der reinen aber erhöheten Zärtelung.

Zuweilen gerathen die beyden Dispositionen im Menschen in Aufruhr, und er strebt nach der vollkommensten Wirksamkeit seiner Anlagen durch gleichzeitige Spannung und Zärtelung. Dann nähert er sich einem andern Menschen, dem er eine verschiedene Mischung der Dispositionen von der seinigen, d. h. ein verschiedenes Geschlecht zutrauet, um in der Verbindung mit ihm nicht bloß die eine oder die andere Disposition seiner Anlagen, sondern ihre Gattung im Ganzen zu verbessern. Er empfindet alsdann Sympathie mit dem Geschlechtsverschiedenen: Geschlechts, oder wie man es billig nennen sollte, Gattungssympathie. Der Zustand, dem er nachstrebt, ist der einer gezärtelten Spannung. Ein Zustand von überschwenglicher Wollust und Wonne, wegen der ausgebreiteten und erhöheten Wirksamkeit beyder Dispositionen unserer Vermögen und Kräfte.

Inzwischen werden sich zwey, den herrschenden Dispositionen nach ähnliche Menschen eben so wenig unter einander anziehen, als zwey Menschen, die den herrschenden Dispositionen nach verschieden sind, wenn nicht ein gewisses Wohlverhältniß zwischen ihnen Statt findet, das in der Aehnlichkeit, oder in der Verschiedenheit ihrer Anlagen allein nicht zu suchen ist. Dieß Wohlverhältniß beruht bey der Verbindung zwischen den ähnlichen Wesen in dem Gefühle, daß sie durch wechselseitige [343] Mittheilung ihrer ähnlichen Dispositionen die Wirksamkeit der Vermögen und Kräfte einer Art erhöhen können. In der Verbindung zwischen den verschiedenen Wesen beruht es aber in dem Gefühle, daß sie durch wechselseitige Mittheilung ihrer verschiedenen Dispositionen ihre Vermögen und Kräfte, der ganzen Gattung nach, in vollkommnerer Wirksamkeit fühlen können.

Sympathie mit dem Gleichartigen ist folglich Neigung des Menschen, seinem Wesen das Geschlechtsähnliche eines andern Wesens anzuarten. Der Starke will sich in der Verbindung mit dem Starken stärker: der Zarte in der Verbindung mit dem Zarten zärter fühlen: jener strebt dem Zustande der reinen erhöheten Spannung, dieser dem Zustande der reinen erhöheten Zärtelung nach.

Geschlechtssympathie ist die Neigung des Menschen, seinem Wesen das Geschlechtsverschiedene eines andern Wesens anzugatten. Der Starke will sich zugleich zart, der Zarte zugleich stark fühlen. Jener erhält dadurch den Charakter geschmeidiger Stärke, dieser den Charakter hebender Zartheit; und der Zustand, in dem sie beyde zusammentreffen, ist der einer gleichzeitig leidenden und thätigen Spannung und Zärtelung.

Die Geschlechtssympathie äußert sich so wohl am Körper als an der Seele.

Die körperliche wird eingetheilt in Ueppigkeit, Lüsternheit, und den unnennbaren Trieb.

Die körperliche Ueppigkeit ist die Anlage zu jener überschwenglich wollüstigen Wirksamkeit der Sensibilität unserer äußern Sinnenorgane, und besonders derer der Tastung, wenn diese durch das Wohlverhältniß ihrer geschmeidigen [344] Stärke zur hebenden Zartheit der Oberfläche der Körper, in die sie sich einlagern, in eine gleichzeitig leidende und thätige Spannung und Zärtelung gerathen.

Die körperliche Lüsternheit ist die Anlage zu jener überschwenglich wollüstigen Wirksamkeit der Lebenskraft unserer ganzen thierischen Organisation, wenn diese durch das Wohlverhältniß ihrer geschmeidigen Stärke zur hebenden Zartheit der Organisation eines angenäherten belebten Körpers, in eine gleichzeitig leidende und thätige Spannung und Zärtelung geräth.

Der unnennbare Trieb ist die Anlage zum unnennbaren Genusse, – zu jener überschwenglich wollüstigen Wirksamkeit unserer vegetabilischen Organisation, der unstreitig an ähnliche Gesetze wie die beyden vorigen Arten von Gefühlen gebunden ist, und einen ähnlichen Charakter mit sich führt, welches aber um des Anstandes willen nicht weiter ausgeführt werden darf.

Die Geschlechtssympathie der Seele wird theils am Gemüthe, (an dem niedern Seelenwesen,) theils am Geiste, (an dem obern Seelenwesen,) empfunden.

Die Geschlechtssympathie des Gemüths wird ihre Ueppigkeit genannt. Sie entsteht, wenn wir unser Gemüth in seinen Verhältnissen zu andern Gemüthern zugleich leidend und thätig, hingebend und beherrschend, mithin geschmeidig stark gegen hebende Zartheit fühlen. Dadurch kommen wir in eine so enge Verbindung mit dem Gemüthe außer uns, daß wir Besitz davon nehmen, und uns mit ihm von der übrigen Gesellschaft der Menschen als ein einzelnes Paar absondern: oder was einerley ist, unser Gemüth in das Gemüth des andern einlagern. Der Zustand ist auch hier gleichzeitig leidende und thätige Spannung und Zärtelung, und eben dadurch der einer überschwenglichen Wonne.

[345] Haupterscheinungen der Ueppigkeit der Seele zeigen sich in dem Triebe nach Häuslichkeit, nach geselliger Auszeichnung vom andern Geschlechte, im Stolze auf den Besitz der Person: u. s. w.

Der Geist ist gleichfalls einer Geschlechtssympathie unterworfen, die mit der Lüsternheit des Körpers große Aehnlichkeit hat. Er strebt zuweilen darnach, von einem andern Geiste völlig besessen zu werden. In diesem Zustande fühlt sich unser Geist einem höhern Geiste unterworfen, hebt sich aber diesem zart entgegen, und fühlt zugleich dessen Stärke geschmeidig genug, um sich in der engsten Verbindung mit ihm zu denken. Der Zustand während einer solchen Besessenheit ist wieder der einer gleichzeitig leidenden und thätigen Spannung und Zärtelung, und vielleicht unter allen, die dem Menschen zu Theil werden können, der wonnevollste.

Diese verschiedenen Erscheinungen der Geschlechtssympathie können sich alle vereinigt zeigen; sie können sich aber auch einzeln offenbaren. Sie sind Ausflüsse eines allgemeinen Hanges unserer Natur nach Vervollkommnung der Wirksamkeit unserer Vermögen und Kräfte. Sie sind aber gar nicht unzertrennlich mit einander verbunden. Die Ueppigkeit des Körpers kann ohne Erregung der Lüsternheit desselben, diese ohne Erweckung des unnennbaren Triebes geschäftig seyn. Die Seele kann der Geschlechtssympathie huldigen, ohne den Körper in einen ähnlichen Aufruhr zu versetzen: umgekehrt kann der Körper in Aufruhr gerathen, ohne die Seele anzustecken. Inzwischen ist es begreiflich, daß wegen des genauen Zusammenhangs des Körpers mit der Seele, und ihrer verschiedenen Vermögen und Kräfte unter einander, der Aufruhr in dem einen Theile unsers Wesens sehr leicht in die übrigen übergehe.

[346] Die Geschlechtssympathie äußert sich am deutlichsten und vollständigsten in den Verhältnissen zwischen solchen Personen, die ihren äußern Kennzeichen nach für Mann und Weib gehalten werden. Aber auch Personen, die äußern Kennzeichen nach zu einerley Geschlecht zu gehören scheinen, können die Geschlechtssympathie in einander erwecken.

Aus Allem, was zu Bezeichnung der Geschlechtssympathie gesagt ist, erhellet, daß diese bald deutlicher bald versteckter wirke.

Die nähere Ausführung dieser Sätze liefert das dritte Buch.


Nachdem der Begriff der Geschlechtssympathie und der Sympathie mit dem Gleichartigen festgesetzt ist, so lassen sich nun auch die der Freundschaft und der Geschlechtszärtlichkeit leicht angeben.

Beyde haben dieß mit einander gemein, daß sie angewöhnte Stimmungen sind, nach beglückender Zusammensetzung zweyer Personen zu einer, durch Vereinigung der Naturen zu streben. Beyde sind folglich Arten der Zärtlichkeit. Allein darin unterscheiden sie sich von einander, daß die Freundschaft auf Sympathie mit dem Gleichartigen beruht, folglich gleichartige Naturen zu vermengen strebt: daß hingegen Geschlechtszärtlichkeit auf Geschlechtssympathie beruht, und geschlechtsverschiedene Naturen zu vermählen strebt.

Die Zeichen, woran man beyde in der wirklichen Welt von einander auskennen soll, sind sehr schwer anzugeben. Doch darf man sicher da auf Geschlechtszärtlichkeit rechnen, wo Symptome der Ueppigkeit des Körpers und der Seele bey den Empfindungen und Aeußerungen [347] der Verbindung herrschend angetroffen werden. Es ist aber keinesweges nothwendig, daß grobe Symptome der Geschlechtssympathie, besonders des Körpers, dabey erscheinen. Ihre Abwesenheit beweiset folglich nichts für das Daseyn der bloßen Freundschaft.

Nach diesen Bemerkungen kann Freundschaft unter Personen Statt finden, die äußern Kennzeichen nach zu verschiedenen Geschlechtern gehören; und Geschlechtszärtlichkeit unter Personen, die zu dem nehmlichen nach jenen bloß äußern Kennzeichen gehören. Denn da die Geschlechtssympathie mehrere Modifikationen annimmt, und sich sowohl an der Seele als am Körper äußert; so können Personen, welche die letzte gar nicht, oder höchst dunkel bey einander aufregen, dennoch wegen der Geschlechtsverschiedenheit ihrer Seelen in das Verhältniß der Geschlechtszärtlichkeit mit einander treten.

Freundschaft und Geschlechtszärtlichkeit setzen allemahl einen strebenden Zustand zum Voraus, wenn gleich die Verbündeten sich wechselseitig vereinigt glauben. Denn sie suchen die Ueberzeugung ihrer Vereinigung immer zu erhöhen, und die Beweise, die sie sich darüber geben, beständig zu vervielfältigen. Inzwischen unterscheidet sich der Zustand, worin sie durch das Bewußtseyn gerathen, daß ihnen die Vereinigung in vielen Stücken gelungen ist, von demjenigen, worin sie dieß Bewußtseyn noch nicht haben, durch einen höhern Grad von Wonne, und eine engere Verkettung ihrer Schicksale.

Das vierte Buch liefert die nähere Ausführung dieser Sätze.


[348] Die letzte und engste Bedeutung des Worts „Liebe“ ist diejenige, worin es für Leidenschaft der Liebe zum Geschlecht genommen wird.

Leidenschaft überhaupt heißt figierte Sehnsucht nach einer gewissen Wonne, die wir zu unserm Daseyn und Wohl unentbehrlich halten. Das Bedürfniß gesellt sich folglich zur Wonne und die Sehnsucht, welche auf beyden beruht, wird zur herrschenden und anhaltenden Stimmung unsers Wesens.

Die Leidenschaft ist liebend, wenn der Begriff einer figierten Sehnsucht nach der unentbehrlichen Wonne an der Beförderung des Glücks eines andern Menschen auf sie zutrifft. Die Leidenschaft der Geschlechtsliebe übertrifft alle andre an Umfang und Stärke. Hier sehnen wir uns, das Bewußtseyn unserer Persönlichkeit zu verlieren, und uns unter dem Bilde einer andern Person wiederzufinden. Wer sich in diesem Zustande befindet, muß nothwendig das Wohl des Menschen, mit dem er sich auf solche Art zu vereinigen sucht, seinem eigenen vorziehen, weil er seine Existenz und sein Wohl nur in ihm erkennt. Das Bestreben, den andern glücklich zu wissen, der Charackter der Liebe, liegt also bereits in der gänzlichen Aufopferung unserer Persönlichkeit. Man darf sagen: Leidenschaft der Geschlechtsliebe sey figierte Sehnsucht nach der unentbehrlichen Wonne, das Bewußtseyn unsers Selbstes unter dem Bilde des Selbstes eines andern Menschen zu erhalten.

Dieser gewaltsame Zustand setzt die Wirksamkeit zweyer Anlagen in uns zum Voraus, der Selbstverwandlungs- und der Figierungskraft. Vermöge der ersten verirren wir uns bey unserm Selbstbewußtseyn, indem wir die Eigenheiten eines Gegenstandes, der von uns getrennt ist, zu unsern eigenen machen: [349] vermöge der zweyten wird ein gewisser sinnlicher Eindruck, oder eine gewisse Vorstellung der Seele in uns herrschend und dauernd.

Wenn die Selbstverwandlung bey uns bis zur Vollkommenheit steigt, und figiert wird, so geht der Mensch zum völligen Wahnsinn über. Wenn aber die Selbstverwandlung nur unvollkommen und zuweilen geräth, und bloß das Streben nach dem Zustande, worin wir mit einer andern Person eins geworden zu seyn wähnen, bey uns figiert wird; dann entsteht die Leidenschaft der Liebe. Die Leidenschaft der Liebe zum andern Geschlecht hat dieß zum Voraus, daß in ihr unendlich mehr Veranlassungen liegen, die Möglichkeit einer Selbstverwandlung zu ahnden, als in jeder andern.

Der Grund der Wirksamkeit der Selbstverwandlungs- und Figierungskraft liegt in einer Ueberspannung der Kräfte des Körpers und der Seele. Diese hängt nicht von unserer Willkühr ab; mithin steht es nicht in unserer Macht, in Leidenschaft zu gerathen, wenn wir wollen. Aber wir können unsere Anlage dazu sehr befördern. Wir können uns absichtlich spannen, und uns dadurch zur Ueberspannung fähiger machen.

Die Leidenschaft kann aus eben diesem Grunde sehr wohl plötzlich entstehen, weil die Ueberspannung unsrer Kräfte eben so wohl von einer schnellen Erschütterung, als von einer anhaltenden Anstrengung herrühren mag.

Die Leidenschaft hört auf, sobald das Streben nach der unentbehrlichen Wonne aufhört, mit der geliebten Person ein Wesen auszumachen.

[350] Leidenschaft unterscheidet sich noch von der einzelnen leidenschaftlichen Aufwallung und von der Beendigung des leidenschaftlichen Strebens durch völlige Ausfüllung unsrer Wünsche, oder durch verzweifelndes Aufgeben derselben. Liebende Anhänglichkeit, in der sich mehr oder weniger leidenschaftliche Aufwallungen einfinden, ist daher noch von der Leidenschaft der Liebe verschieden, und noch mehr sondert sich von ihr ab jener dumpfe Zustand, der mit der Ueberzeugung von einer gänzlich zerrissenen Verbindung verknüpft zu seyn pflegt.

Der Leidenschaft der Liebe steht unmittelbar entgegen die Leidenschaft des Hasses: jene figierte Sehnsucht nach der unentbehrlichen Wonne, die Person eines andern Menschen durch die unsrige vertilgt zu sehen.

Verschieden von der Leidenschaft der Liebe, aber ihr oft ähnlich, sind diejenigen Leidenschaften, die auf Selbstheit, ja auf bloßer Geschlechtssympathie beruhen. Die Verwechselung ist um so leichter, da jede Leidenschaft eine Aufopferung vieler Neigungen für eine herrschende voraussetzt, die so leicht für völlige Selbstverläugnung um andrer Menschen willen gehalten wird. Allein wir streben dabey entweder gar nicht nach Verbindung mit einer andern Person, und nach ihrem Wohl, oder dieß kommt nur in so fern in Betracht, als wir desselben als eines Mittels bedürfen, um uns zu beglücken

Die Leidenschaft, mit der wir der Befriedigung körperlicher Triebe bey einer Person vom andern Geschlechte nachstreben; – diejenige, mit der wir ihre Schätzung, ihren Beyfall, ihre Auszeichnung zu erwerben, und dadurch unserer Ruhmsucht, oder unserer Eitelkeit Nahrung zu verschaffen suchen, können [351] ungeachtet aller Aufopferungen, die wir an Gütern, Ruhe, Gesundheit und Leben darbringen, nie für liebend gehalten werden. Selbst diejenige Leidenschaft, die Alles hingiebt, um ihren Gegenstand ganz zu besitzen, und durch die Vereinigung mit ihm sich glücklich zu fühlen, ist nicht Liebe, ist Eigennutz, wenn nicht die Sehnsucht nach dem ausschließenden Besitze der Person dem Wohl derselben, als eines selbständigen Wesens, untergeordnet ist, und den Zweck des Strebens ausmacht.

Endlich wird die Begeisterung für das Bild eines andern Menschen, welches unsre Phantasie zu einem Ideale von Vollkommenheit hebt, und worüber unser Herz die Bedürfnisse des Originals vergißt, nur für verfeinerte Selbstheit gelten können, wenn dieser Zustand der Erhöhung über unser niedriges Selbst gleich noch so vortheilhaft für die Veredlung unsers Wesens seyn sollte.

Die Ausführung dieser Sätze enthält das fünfte Buch, und der dritte Abschnitt des sechsten.



[353]
Verbesserungen im ersten Band.

Seite 10 Zeile 4 von unten: Ja! für Ja! Ja!
27 11 – – abzeichnen für abziehen.
72 7 von oben: einer Bestrebung für seiner Bestrebung.
91 15 – – den Vogel für dem Vogel.
101 6 von unten: zusammenzutreffen für zusammentreffen.
129 1 von oben: Anspannung für Anschauung.
138 12 von unten: hinter Ganymeds ein (,)
152 11 von oben: Statur für Natur.
163 3 – – Indem wir unser Gemüth den Angriffen eines Wesens gern entgegen bieten, so erkennen wir mit Vergnügen seine Gewalt über uns an: Indem wir gern auf dasselbe einwirken, erkennen wir mit Vergnügen unsre Gewalt über dieß äußere Wesen an. Jener erste Zustand wird Hingebung genannt; dieser letzte Beherrschung.
163 12 von unten: reiner für einer.
172 15 – – sittigen für sittlichen.
215 8 – – monarchischen für moralischen.
243 10 – – persönlichsten für persönlichen.
245 12 – – entsagst für entsagt.
258 12 – – hielten für haben.