Seite:Ramdohr-Venus Urania-Band 3.2.djvu/112

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

spricht die Dame, und dieß ist die Veranlassung zu dem Gedichte. Der Liebhaber singt: „Was war es nöthig, daß ich wegen eines Weibes um Freyheit und um den Verstand kommen sollte. Es ist nicht so stark verwahrt! – Eine Sache wollte ich gerne der Dame in Erinnerung bringen, wäre sie nicht ein Schlag auf ihre Stirne: sie sollte daran denken, ob sie jemahls wie eine Närrin bey mir gelegen habe.

Diese nicht anständige Aeußerung enthält offenbar den Vorwurf einer Schwachheit der Dame, den ihr der Dichter macht, um ihre jetzige Sprödigkeit in ein unvortheilhaftes Licht zu setzen. Darauf antwortet die Dame mit einem noch unanständigern Vorwurfe: „Was half es, daß er wie ein Narr bey mir gelegen hat? Ich ward doch niemahls seine Frau!“ – Diese Worte können nie auf eine willkührliche Enthaltsamkeit, sondern nur auf ein physisches Unvermögen hindeuten.

Lassen wir daher die Idee an eine fanatische Enthaltsamkeit, oder gar an eine platonische Seelenliebe ganz fahren. Der deutsche Dichter fühlte so wie seine Nachbaren, daß Pflicht und äußere Umstände dem Bestreben nach gänzlicher Vereinigung zuweilen Grenzen setzten, und daß dieß beschränkte Verhältniß zu vielen, für die Dichtkunst brauchbaren Situationen, Anlaß gab. Hat es auch einen Robert d’Arbrissel unter ihnen gegeben; so ist sein Geschmack gewiß nicht der herrschende gewesen, und die Tugend hat unstreitig nichts dabey verloren. [1]

Uebrigens finden wir bey den Minnesingern neben jenen edleren Grundsätzen auch eine sehr leichtsinnige Art, über die Liebe zu denken.


  1. Bayle Dict. phil. et crit. Article Fontevraux.