Seite:Ramdohr-Venus Urania-Band 3.2.djvu/200

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Die Scudery hat von der Liebe keinen andern Begriff gehabt als den, daß sie eine feinere egoistische Neigung sey, die sich bald in dem edleren Stolze, durch außerordentliche Tugenden und Heldenthaten vor den Augen der Geliebten zu glänzen, bald in geselliger Eitelkeit, und in dem Triebe nach Beschäftigung und Unterhaltung äußert. Die Selbstheit nutzt bey ihr die Geschlechtssympathie zur Befriedigung ihrer edleren und feineren Neigungen. Daher setzt sie das Wesen der Liebe in steter Unruhe des Geistes: daher findet sie nichts langweiliger, als die Unterhaltung zweyer Liebenden, von denen der eine oder der andere nichts zu wünschen, oder sich über nichts zu beklagen hat: daher legt sie besonders einen so großen Werth auf die Galanterie. Diese ist nach ihrer Darstellung nichts weiter als die Kunst, den Empfindungen, welche die beyden Geschlechter sich gegenseitig einflößen, den witzigsten und zugleich nach den Begriffen der Zeit artigsten Ausdruck zu leihen. Die Artigkeit der Scudery und ihr Witz scheinen uns aber steif, umständlich und pretiös zu seyn. –

Ihre Romane so wie die des Calprenede und einiger anderer enthalten mehrere Darstellungen einer Liebe, die sich auf geistigen Genuß beschränkt, und sich in dem Bewußtseyn der gelungenen Vereinigung der Seelen glücklich fühlt. Nirgends werden die Gesetze des strengsten Anstandes beleidigt.

Unstreitig haben diese Werke besonders zu der irrigen Idee beygetragen, daß die Galanterie vom eilften bis zum achtzehnten Jahrhunderte eine reine, oder wenigstens anständige und gesetzmäßige Verbindung zwischen beyden Geschlechtern gewesen sey.