Seite:Ramdohr-Venus Urania-Band 3.2.djvu/34

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Also eine gezwungene Enthaltsamkeit war den Orientalern allerdings bekannt, und ihre strengeren Religionslehrer und Philosophen behaupteten unstreitig, daß alle Liebe zum einzelnen Abglanze der Gottheit, (zur Kreatur) der Liebe zum Allgemeinen, (zur Gottheit selbst,) nachstehen müßte. Aber der Regel nach scheint ihre edlere und schönere Liebe zum Menschen den Zusatz der Sinnlichkeit nicht ausgeschlossen, vielmehr als Grund und Zweck vorausgesetzt zu haben.

Das Charakteristische dieser Liebe scheint mir zuerst in der Begeisterung bis zum Wahnsinne zu liegen, welche die Lehrer derselben von dem Liebhaber forderten, dann in dem abentheuerlichen, bilderreichen, oft auch nur spitzfindigen Ausdruck der Empfindungen.

Jene Begeisterung stand mit dem religiösen Mysticismus der Orientaler in der genauesten Verbindung. Ihre größten Heiligen waren Schwärmer, die in ihrem Eifer, sich mit Gott zu vereinigen, bis zum Wahnsinn fortschritten. Die Dichter, deren Stellen ich angeführt habe, waren entweder Religiosen, oder sie beschäftigten sich doch mit der Theologie, welche bey den Muhammedanern mit allen ihren übrigen Kenntnissen, und besonders mit dem Talente der Dichtkunst in genauester Verbindung stand.

Im Koran fanden sie sinnliche Liebe. Der christliche Mysticismus, der alle Sinnlichkeit verdammt, würde diese geradezu zur göttlichen Liebe hinauf allegorisiert haben; so hat er es mit dem hohen Liede Salomonis gemacht. Der muhammedanische fand einen Mittelweg. Er entschuldigte diese Sinnlichkeit als die erste Stufe, um zur reinen göttlichen Liebe zu gelangen. Aber in wie fern konnte sie mit dieser